27.08.
2011

Das ist meine Reiseberichterstattung und noch nicht Korrekturgelesen. Also hinterlaßt Eure Kommentare unten im entsprechenden Feld. Fein!

Tag 0

Ich habe es tatsächlich getan!
Ich habe meine Freundin unglücklich gemacht und sitze im Flugzeug nach Japan. Bis zum Start war ich – sonst so übertrieben selbstsicher – mir nicht sicher, ob ich nicht doch umkehren sollte. Zum Umkehren lädt München nun mal ein.
Ich erfreue mich also doch an unverständlichem Japanisch un fast ebenso unverständlichem Englisch, das adrett aus den Lautsprechern säuselt.
Die Titanic ist mein letzter Strohhalm zur deutschen Kultur; bis bald.

Besser schlafen oder dem Gespräch nebenan lauschen? Film kucken oder vom Fensterplatz aufstehen und das Lehrbuch bemühen?
Oh, es gibt feuchte Tücher, o-tsumami und Saft. Soll ich’s versuchen und auf Japanisch bestellen? Die erste Hürde ― genommen. Was soll jetzt noch passieren?

Draußen gibt es wahrscheinlich tschechische Kleinstädte. Film kucken?
Boah, mir ist langweilig. Wie wäre ein „Ha, keiner verläßt den Raum. Das ist ein Überfall! Geld her, sonst…“. Geht nicht, wir Japaner sind zu höflich.
Schade, daß ich nicht zur Fratzenbuch-Feier vorne bei den Geschäftsleuten einladen kann. Jibt keen Weltnetz hier oben.
Orenjijussu is alle. Zurück zur deutschen Kultur und Herrn Metz.

Übringens sitzt meine Freundin gerade im Chagall mit ihren Freundinnen, feiert ihren Geburtstag nach und trinkt flüssigen Wacholder für mich mit. Vergiss mein nicht für vier dunkle Wochen!

Das Pärchen neben mir hat sich für den italienischen Spaß entschieden. Sie Messer links, Gabel rechts. Ich wähle washoku (J-Menü) nachdem ich die Karte für Langnasen gezeigt bekommen habe und glänze mit meiner Stäbchen-Fertigkeit. Wahrscheinlich halte ich sie falsch. Bin gespannt, wie mein Wanst auf die Herausforderung reagiert. Irgendwann muß ich doch raus aus meiner Ecke. Kleine Anmerkung von ihm und die Gabel ist links.

Ick jloob, die Sitzheizung is an. Mir ist nach zweieinhalb Stunden schon unwohl unterm Ärmel.

Danach is nicht viel passiert bis zur Landung. Am Treffpunkt war allerdings niemand. Ken hatte auf mich am anderen Terminal gewartet. Uff innerhalb Bus un hin zu ihm.

Viel besser war der Besuch im Senator. Herrlichste Entspannung nach der langen Reise mit Warm- und Kaltbecken, Sauna und heißem Bad mit scharfem Pfeffer als Dreingabe. Verrückter Kreislauf.
Dann wieder zu Ken nach Hause, wo seine Frau schon ein Festmahl vorbereitet hatte. Einiges japanisches Bier, Sake-Kostproben und ne Konversation mit ektronischem Wörterbuch und vielen Gesten. Weiß jemand, was eine Perilla ist? Sowas habe ich gespeist!
Nu aber ins Bette. Morgen früh um neun geht’s los nach Yokohama und Kamakura.

Nacht! Bis morgen.

Tag 1

Heute gab’s um ersten Mal japanische Kultur, Geschichte sozusagen. In Kamakura sitzt der daibutsu, ein sitzender Buddha in Hausgröße. Man kann auch für zwanzig Yen in den Buddha hinein gehen, aber leider nicht durch die Fenster in seinem Rücken schauen.
Hier scheint der heiße Sommer vorbei zu sein. Es ist angenehm kühl, es herrscht aber eine hohe Luftfeuchtigkeit. Beim ma-cha-Trinken am Temple gab es – warum auch immer – Besuch an unserem Tisch vom fließend englisch und deutsch sprechenden Koch, der uns dann gleich auch noch den Sinn der Tee-Zeremonie erklärte. Die Tee-Tasse wird nicht etwa aus Andacht hin und her gedreht, sondern, um die Töpferkunst des Gastgebers still aber mit angemessener Mimik zu bewundern.

Angefangen hat der Tag allerdings mit einer ordentlichen Portion Verschlafen. Um acht war ausgemacht, kurz nach elf ist der gnädige Herr dann doch aufgewacht. Es gab kalt gewordenes Frühstück. Hat er selbst dran Schuld. Als Nachtisch gab es eine Lektion in japanischen Adjektiven. Ich habe gleichzeitig deutsche Aussprache gelehrt.

Abends ist Weinprobe angesagt. Ich bin sehr gespannt. Hoffentlich halte ich durch. Ich hör den Müde-Bus schon um die Ecke biegen.

Danach:
Mann, es war viel besser als erwartet. Man bringt genug zu essen mit und bekommt dennoch noch einmal soviel dazu: Fisch, Salat, Brot, Schnitzel und ein gebackenes Huhn. Dazu gab’s französischen Schampus und Wein. Die Flasche nennen Fuffi und zum Schluß den besten Grappa, den ich je getrunken habe. Ja, der Typ war zufällig Weinhändler. Na, und? Es war ein sehr schöner Abend und ich bin sogar dazugekommen, ungarische Sprachgeschichte einzubringen, ich Angeber.

Morgen geht’s mit dem Auto nach Kyoto. Hierzulande auf der linken Seite! Bis denne.

Tag 2:

Leicht verspätet ging es mit dem Auto los nach Kyoto. Emiko kam mit, so waren wir zu dritt. Ich bin ein Pöt!
Keinerlei Kater, nur etwas müde.
Die Japaner lieben es scheinbar, ihre Autobahnkreuze schwungvoll auszubauen und durch den Hafen abzukürzen. Außerdem lieben sie vornehmlich weiße Autos und respektieren Deutsche Ingenieurskunst. Auch ein VW Passat gilt hier als Statussymbol. Nach zweieinhalb Stunden die erste Pause und ich kaufe zum ersten Mal selbständig ein. Ja, es war sorglos und lediglich ein Mangogetränk und dunkle しょこれと。
Beim zweiten Stopp gab’s dann mitgebrachtes Essen: Reisbällchen in getrocknetem Seetang. Eine großartige Erfahrung! Außerdem hat Keen auch noch eine japanische Wurst am Spieß gekauft. Dazu gab’s Mostrich und scharfen Ketchup aus der Plastehülle. Den Mechanismus zum einhändigen Draufmachen hättet ihr sehen sollen! Zum Glück gibt’s Fotos.
Doch das war nicht das letzte Staunen an diesem Tage. Unsere „Unterkunft“ ist ein Traum von einem japanischen Haus. Schiebetüren so weit das Auge reicht und zum Teil 200 Jahre alt. Es gehört der Base von Ken. Ich werde morgen so ungefähr hundert Bilder machen. Sie kennt Naruse Mikio, einen meiner Lieblingsregisseure. Nach der Führung durch alle Räume und Etagen plus Inschriften vom obasan sind wir dann in die Stadt aufgebrochen, um Fumi zu treffen, der genauso wie Ken vor ein paar Jahren mit mir beim BRC Rugby gespielt hat.
Fumi kann immer noch sehr gut deutsch und hat sogar seinen zirka dreijährigen Sohn dazu gebracht, Guten Abend und Danke zu sagen. Hut ab! Wir haben dann in einem. Erstreckten Restaurant Spezialitäten aus Kyoto gegessen. Fragt mich nicht nach den Namen! Es war lecker! Zum Schluß gab es den in Japan üblichen Geschenkaustausch, den ich gekonnt gesprengt habe. Mit einem Trikot und einer Krawatte von Berlins bester Rugby-Mannschaft mit drei Buchstaben und Kleinigkeiten für die Ehefrauen und Fumis Sohn.
Nach der Verabschiedung von Fumis Familie ist dann mein Foto-Akku schlafen gegangen. So konnte ich leider keine Fotos mehr von den jugendlichen Japanern und den Geishas machen.
Die Jungs von Japan haben entweder ein weißes Hemd an oder sehen aus wie dröge Emo-Schnösel. Die Mädels hingegen machen auf niedlich oder Vamp. Beides kommt einfach nicht an bei mir. (Richtige Antwort?)
Im Geisha-Viertel war auch alles ruhig. Nix zu sehen. Man mag es hier eher still. Ganz zu schweigen von der beeindruckenden Holzarchitektur. Kann ich aber nicht zeigen wegen siehe oben.
Auf dem Rückweg durch eine sehr gut sortierte Shinto-Tempellandschaft tranken wir in der Unterführung eine Eiskaffee als Ausgleich für die schwüle Wärme. Zum Schluß gab’s daheim noch kaltes Bier und guten Sake. Angeblich hundert Euro die Flasche. Mann werde ich mit Leckerbissen verwöhnt!
Nun aber genug geprahlt. Licht aus und ab unter die Decke! Moskitogift versprüht und an zu Hause gedacht. Übrigens auch ganz klassisch auf Tatami und Futon mit Kopfstütze. Ätsch!
Morgen geht’s zur Tempel-Tuhr.
Und ich hatte immer noch keinen Weltnetz-Zugang! Ich krieg‘ ‚was zu Hören!

Was mir beim Einschlummern gerade auffällt: Der mir von der Hausherrin überreichte pijama hat hinten eine Knopfleiste. Entweder bekomme ich Angst vor der japanischen Kultur oder ich ziehe die Hose einfach andersherum an…

Tag 3:

Wer mit Hitze Probleme hat, sollte im Sommer nicht nach Japan fahren. Ich habe das Gefühl, mich alle fünf Minuten umziehen zu wollen. Es sollte mobile Duschen geben, die hinter einem herlaufen. So könnte man auf dem Weg zum Auto, kurz vor dem kinkaku-ji, in Arashiyama oder beim Besuch des Shoguns sich erfrischend.
Der goldene Tempel Rokuon-ji war heute als erster dran. Das ist die Touristen-Attraktion schlechthin in Kyoto. Da steht an einem Teich ein riesiges goldenes Monstrum und läßt sich von der Sonne bescheinen. Koreaner, Chinesen und einige andere Ausländer wie ich schieben sich am Weg lang und fotografieren um die Wette. Auch die Karpfen. Japaner machen sowas nicht wie ich kurz danach höre. Wieder nicht aufgefallen! Auch ein Automaten-Glück hab ich gekauft. Stand fast nur Gutes drin. Hab ich also behalten. Sonst hätte ich es auch nebendran anknüpfen können. Das macht man wohl hier mit dem schlechten Glück.

Dann war der Tempel des Himmlischen Drachen an der Reihe. Schuhe ausziehen und nicht in die Pantoffeln aus dem bereitstehenden Korb passen, war das nächste Ereignis. Hier mussten sich früher edle Leute aufhalten und konnten nicht raus. So halben sie sich eben eine kleine Welt in den Garten gebastelt. Zweifuffzich hohe Bonsai an einem schönen See. Herrlich entspannend! Man kann noch ein bißchen hin und her laufen und einen morii anschauen. Als Mittagessen gab’s heute kalte Nudeln mit Schrimps, die bei der Hitze genau richtig waren.

Als Nachtisch ging es dann zu Familie Shogun in die Festung. Jahrhunderte alte Malereien und auch den Raum, in der der letzte Herr Togukawa 1868 abgedankt hat, haben wir gesehen. Dazu meterdicke Mauern und der obligatorische Garten. Wenn ich mal groß bin, möchte ich auch eine Festung mit japanischem Haus und ebensolchem Garten. Allerdings muß auch der Gärtner mit. Den Ärger mit den Pflanzen möchte ich nicht haben.
Ach, so. Habt ihr je von einem singenden Boden gehört? Ich bin auf ihm langgelaufen. Ja, Herr T. hat sich nicht Lumpen lassen.

Nach der Ankunft im schönen Kyoto-Haus wollte ich noch in den konbini, um etwas auf eigene Faust einzukaufen. Da ich nichts mitbringen sollte, machte ich noch eine Runde durch die Nachbarschaft. Das war allerdings nicht das Problem im Nachhinein. Vielmehr fragte Ken mich, ob mir irgendwas fehlen würde und er würde es doch besorgen. Klarer Fall von Kultur-Unterschied.

Kurzes Zwischenspiel:
Gestern hat mich doch tatsächlich – ja, es gibt sie auch in Japan – eine betrunkene Obdachlose wegen Geld angesprochen. Ken hat gesagt, daß es auch für ihn das erste Mal war. Er hat wild mit dem Kopf geschüttelt, so hat sie nichts gekriegt.

Weiter im Text:
Nach unserem Turi-Tag sind wir abends mit dem Zug nach Osaka gefahren. Ziel war ein Restaurant, dessen Besitzer Kunde von Kens Freund ist, den wir dort treffen wollten. Vorher sei gesagt, daß die Leute aus Osaka ein ganz besonderer Menschenschlag sein sollen. Sehr mitteilungsbedürftig und immer gut für einen Witz. Die Stadt der Bolde sozusagen.
Und so kam es dann auch. Die Stadt Osaka macht vom ersten Augenblick einen ganz verschiedenen Eindruck als Kyoto oder Hiyoshi. Grell und unübersichtlich. Und so war dann auch der Gastgeber. Ein Schwerenöter vor dem Herrn! Schwadronieren scheint man hier in der Vorschule als Pflichtfach zu haben.
Nachdem auch seine Begleitung, eine angeblich Einundvierzigjährige, zu uns gestoßen war, kam ich nicht mehr raus aus dem „Wie ist es wirklich in Deutscheland?“ und „Wirklich Rugby? Kennst Du japanische Nationalspieler beim Namen?“ und „Warum bist Du eigentlich in Japan?“. Dazu gab reichlich Fleisch auf den beiden Tisch-Grillen zu Salat, Soja-Soße und angeblich scharfen, koreanischen Eingelegtem. Fräulein Begleitung hat fleißig zu allem Gesagten genickt und sich meist schwer getan bzw. geniert, mir auf Englisch Fragen zu stellen. Zu viel mehr als Nicken und auf übersetzte Fragen antworten, kam es bei mir aber auch nicht. Es gab ständig Biernachschub und Schnaps mit Wasser und Eis. Ich hab mir den Schnapsnamen nicht gemerkt.
Das klingt beim weiteren Hinsehen dröge, war es aber nicht. Ich hab mich amüsiert.
Als der Aufbruch nahte und wir die einzigen Gäste waren, kam der Herr Koch und Besitzer an den Tisch und stellte den Gastgeber im Punkte Draufgängertum noch in den Schatten, indem er das Kind beim Namen nannte und die hervorgestreckten Brüstchen der Begleitung lobte (Foto kommt dann hier rein). Der Rest ging dann für mich im japanischen Kauderwelsch unter wie auch vorher bis auf die von Ken hervorragend übersetzten Fragen und Antworten.
Abschiedsbild mäht bei Bedienung und auf nach Hause. Hier noch ein wenig Flüssigkeitsausgleich und Bier und dann müde ins Bett. Und hier bin ich nun.
Jut Nacht!
Mit uns im Zug um zwölf waren auch noch Geschäftsleute auf dem Weg nach Hause. Na, da bin ich doch lieber Ausländer und Turist in Japan!

Morgen gehe ich zum ersten Mal allein auf die Pirsch.

Tag 4:

Und ich dachte, ich hätte schon alle wichtigen Sehenswürdigkeiten von Kyoto gesehen. Falscher konnte ich nicht liegen! Der Kiyomize-Tempel ist für Kyoto sowas wie der Fernsehturm für Berlin. Man schleift die Turisten durch alle Museen und Schlösser doch wenn sie am Alex aussteigen, ist alles vorherige vergessen. Die eine Hälfte des wirklich riesigen Tempels befindet sich auf festem Grund, die andere hängt über den Abgrund auf sehr alten und sehr dicken Holzstämmen. Außerdem kann man sich beim Trinken aus der namensgebenden Quelle etwas wünschen. Ich werde hier noch gläubig. Obwohl die Japaner auch nicht mehr damit verbandelt sind als die Deutschen. Vielleicht kann der eine oder andere Gott ja auch für Seinereiner was Gutes tun. Da habick mich also in die Reihen der Chinesen eingereiht und mir kräftig was gewünscht.
Kurz vorher habe ich von den beiden eine Art Sammelheft für Tempel mit den ersten beiden Einträgen geschenkt bekommen.
Danach habe ich mich auf eigene Faust aufgemacht, da Ken und Emiko seine Mutter in Osaka im Krankenhaus besuchen wollten. So ganz war die eigene Faust nicht wahr. Die Strecke stand schon fest: Drei weitere Tempelanlagen und der tetsugaku Nov michi. Futter fürs Sammelheft also.
Beim letzten Tempelkomplex blieb es leider nur beim Anschlagen, da er um Sieben schon seit zwei Stunden geschlossen war. Vorher gab es auf den gefühlten zwanzig Kilometern im Westen von Kyoto noch einiges zu sehen.
Ich weiß jetzt, welche Zutaten man für einen japanischen Garten benötigt: famose — nein, vermoste, junge Felsen, vermoste, junge Felsen und eine Harke für den Sand. Die Deutschen bekämpfen es mit viel Schemie, hier gilt es was. Je mehr Moos desto besser. Etwaige aufsprießende Halme werden gründlich beseitigt.
Und: Ken hat Recht, die Römer waren hierher mit einem Materietunnel unterwegs und haben den Japanern einen Aquädukt hingesetzt, ich bin fast aus den Latschen gekippt.
Ja. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und zwei weitere Inschriften dem Sammelheft hinzufügen können.
Ich habe heute keinen Mitbringsel-Schnickschnack gekauft und auch nicht jede Katze und jede nasse Blume fotografiert. Dafür habe ich mit einem Busfahrer gesprochen, der mich auch in seinem Bus behalten hat. In Japan – nun, zumindest in Kyoto steigt man hinten ein und vorne aus und bezahlt erst beim Aussteigen. Hat man es nicht passend, wirft man sein Geld in die Bezahl-Maschine neben dem Fahrer und benutzt erst dann das Wechselgeld zum Bezahlen. Die haben’s drauf, die Japaner!
Hatte ich schon von meiner ersten RICHTIGEN Begegnung mit einer japanischen Tolette erzählt? Mach ick vielleicht morgen.
Mann war ich knülle, als ich wieder daheeme war! Zum Glück gab’s noch einen sento-Besuch vor dem Abendessen, jedoch nachdem Ken in der Nachbarschaft herumgelaufen und gefragt hatte. Er hatte danach die Erholung genauso nötig wie ich. Und ich: Ich sollte meine Arbeit hinschmeißen und auf bandai umschulen. So ein Ereignis nach dem Tempel-Marathon erfrischt dermaßen, daß man danach genüsslich zu Abend speisen und Bier und Sake trinken kann.
Ken wird von dem Alkohol immer so schnell müde. Nichts mit bis um fünfe durchmachen!
Es ist jetzt zehn vor halb drei und es hat angefangen zu regnen. Vielleicht kühlt’s ja etwas ab. Könntick jut jebrauchen.
Morgen gibt es den Bericht wieder aus dem Studio Kyoto, da es aus familieren Gründen eine Umplanung gegeben hat. Natürlich nicht, ohne meine Zustimmung einzuholen. Die Japaner sind einfach zu höflich!
Kens Base war heute um vier Uhr Nachmittag da, als keiner von uns zu Hause war. O-miyage hat sie dagelassen, ist morgen aber zu beschäftigt. Also gibt’s morgen erst einmal Bruderbesuch, um den Gaijin in Augenschein zu nehmen. Ich bleibe also da bis um elf und suche dann erst nach dem Weltnetz-Anschluß. Meine Postkarten werden wohl früher von mir berichten…
Zur Erklärung: Ich habe keine Ahnung, wo in Japan sich zur Zeit mein Telefon befindet. Zun guten Rest hat es auch keine Stromkäfer mehr.

Tag 5:

Das war ja wohl der Hammer! Kens Bruder, das erste Mal japanisches Weltnetz, tausend Buddhas, ein Plattenladen, ein Karatemeister und ein Hardrock-Abend. Eins nach dem Anderen.
Der Bruder, der irgendwann nach zehn Uhr aufkreuzen sollte, war eine weitere Base mit o-miyage. Ein Einwickeltuch mit Fächern drauf. Auch sie kannte Naruse, wenigstens vom Namen her. Nachdem klar war, wie alt meine Eltern bei meiner Geburt waren, wurde festgestellt, daß auch in Japan die Eltern immer älter werden. Nach dem anregenden Gespräch habe ich Ken davon überzeugt, daß ich nun endlich ins Weltnetz gehen müßte. Er hatte anscheinend bisher gedacht, daß das Rechner-Tablett auch das könnte und mein Wimmern nur auf die fehlende Zeit zurückzurückzuführen war. Er also los und das Weltnetz suchen. Ich sollte zu Hause warten und mich nicht abhetzen. Auch dieses Mal war seine Methode erfolgreich. Wir gingen dann gemeinsam los. Für ihn war es auch das erste Mal in einem „Media-Café“. Er ist dann wieder zurück gegangen, während für mich das nächste Abenteuer die japanische Tastatur war. Eine halbe Stunde und einen Neustart später konnte ich meiner Liebsten das erste Lebenszeichen senden. Ja, ich gestehe, ich habe auch – aber nur ganz kurz – in mein berufliches Postfach geschaut, um zu sehen, ob es das rote Projekt noch gibt.
Danach gab es dann wieder Kultur. Da gibt es Kyoto ein Holzgebäude, daß hundertzwanzig Meter lang ist und tausend Buddha-Statuen beherbergt. Sehr beeindruckend, wenn man bedenkt, daß jede dieser Figuren ein bißchen anders aussieht als sein Nachbar. Zum Zeitvertreib haben die Herren samurai ein Bogenschießen veranstaltet, bei dem es neben wer trifft am häufigsten mit hundert bzw. tausend Pfeilenauch gleichsam Vierundzwanzig-Stunden-Rennen gegeben hat. Der beste hat damals vor zirka 500 Jahren 13.000 Pfeile verschossen, von denen mehr als achtausend das Ziel in 120 Meter Entfernung getroffen haben. Neun Pfeile in der Minute! Ich habe nicht nachgerechnet. Macht Ihr das! Junge, Junge!

Japaner müssen bei Besuchen immer etwas mitbringen. Da heute der letzte Kyoto-Tag war, ging’s einkaufen. Wenn man alle Berliner Arkaden aneinander reiht, reicht das lange noch nicht aus. Das Ende der Arkade verschwimmt in der Ferne und zwanzig Meter geht das Ganze wieder zurück. Ich habe mich abgeseilt, sobald ich den Plattenladen entdeckt hatte. Ging natürlich nicht so einfach. Gut, um achte wieder beim Haus zum Essenfassen. Der gute alte Mann hatte leider nur wenig Platten und die auch noch eher internationaler Art. Nicht so meins. Ich wollte das Einheimische. Da er aber mit Oi! und Punk geworben hatte, habe ich mich noch ein bißchen bei den KS umgesehen. Ordentliche Preise hatte der Herr für für mich unbekannte Kombos. Es wurde dann eine KS von Miburo und eine weitere für nen Tausender. Die ganze Zeit lief sowas wie italienischer Hartkern.
Der zweite (!) Plattenladen in dieser Passage hatte nur R und B und Seelenmusi. Ich war nicht drin.
Das war aber noch nicht alles. Ich wollte noch zu einem weiteren Plattenhändler, den ich vor einigen Tagen gesehen zu haben glaubte. Auf meinen Abwegen treffe ichKen und Emiko wieder. Es sollte zu einem Geheimtipp von Kens Freund gehen.
Die Besitzerin ist yakuza-Frau und schmeißt wohl auch Leute raus, wenn sie zu laut sind.
Erst einmal war die Gastlichkeit ausgefüllt, nicht verwunderlich bei einer Größe meiner Küche. Nach ner viertel Stunde war es dann soweit. Ich kann sagen, daß wir nun zum Höhepunkt des heutigen Tages kommen. Wo vorher zwei am Tresen saßen, passten nun drei hin. Andere Plätze gab es ohnehin nicht. Als eintrat, hatte ich erst einmal alle Aufmerksamkeit für mich. Hat man wohl nicht alle Tage hier draußen, daß ein Kahlkopf mit Tehtu hereinschneit. Hat sich aber auch gleich wieder gelegt.
Keine zwanzig Leute in dem Raum und trotzdem eine Stimmung! Mutter yakuza wirbelte mit ihren zwei „Söhnen“ umher und bot an und befahl. Nicht etwa, daß die Kundschaft auswählen sollte. Ej, nimm das und das, das ist heute lecker. Und wie sie Recht hatte! Bonito wird übrigens mein neuer Lieblingsfisch. Aber auch der Rest – köstlich!
Emiko kam mit den beiden Damen links von uns ins Gespräch und Ken und ich rätselten, ob der hinzugekommende gaijin Deutscher oder Engländer wäre. Ken hat gewonnen, obwohl ich wetten würde, daß der Typ deutsche Vorfahren hat. Nun interessierten sich die beiden Damen nebenan für mich. Das Übliche, dachte ich. Allerdings waren Mi-chan und ihre Freundin schon jenseits des fünften Halben. So wurde schnell herausgefunden, woher ich komme und wohin ich gehe. Harmlos bis hierher. Ob ich denn singeru wäre und ob ich denn nicht bei Mi-chan und ihrer Mutter unternommen wolle, kam als Nächstes. Mi-chan ist außerdem Landesmeisterin in Karate. Ich habe nicht nach dem Jahrgang gefragt. Wir drei haben uns bei den ganzen Anzüglichkeiten herzlich amüsiert, bis beide plötzlich gehen mußten. Haben wohl nichts mehr gegessen.
Danach kam Herr Franzmann-Professor mit Frau aus Frankfurt. Die waren nicht ein Zehntel so interessant wie die beiden Schabracken, die mir meinen Sprachkurs in Süd-Japan ausreden wollten. Bevor sie gingen, haben sie uns auf Kens Frage und mit dem Wissen über meine Kapelle uns noch einen Hardrock-Schuppen empfohlen. Alle Achtung!
Den Laden habe wir im Sauseschritt erreicht. Anders kann Ken nicht spazieren gehen. Emiko durfte/müßte schon nach Hause gehen. Der Laden war allerdings trotz funktionierender Innenbeleuchtung geschlossen, obwohl der Programmhinweis auf offene Türen ab zehn hinwies. Es war zehn nachzehn. Naja, vielleicht beim nächsten Mal. Die Plakate haben schonmal gepaßt.
Also wieder zurück im Affentempo, diesmal durch das wirklich hübsche yakuza-Viertel. Zu Hause ankommen, duschen und Schluß mit dem Tag. Ist schließlich viel passiert. Morgen geht’s früh los, zurück nach Yokohama bzw. in ein ryokan in Tokio. Das wird dann der letzte Tag mit Ken und Emiko. Sonntag vormittag fliege ich weiter in den Süden, weiter als bis Kyoto.

Tag 6:

Der heutige ist schnell behandelt. In aller Hergottsfrühe aufstehen, hektisch frühstücken, doch erst um neun losfahren und während der ganzen Fahrt ständig einnicken.
Aber halt: Kens Base, die erste, kam zum Verabschieden. Wieder ein Ritual mit Geschenken. Ich wurde diesmal auch bedacht. Und zwar mit einem Bambushut und einem Tuch zum Drunterpacken. Auch ein japanischer Fächer war dabei. Großartig! Ich hatte nichts zum Verschenken, dafür habe ich mich umso mehr gefreut. Und ich soll unbedingt wieder nach Kyoto kommen, am besten mit meiner Frau…
Ken und ich hatten merklich mit der übrig gebliebenen Müdigkeit zu kämpfen. Emiko sind die Augen ständig zugefallen. Ja, mir auch, ab und zu.
Wir sind nicht vorher nach Yokohama gefahren, um meine Sachen zu holen, damit wir keine Zeit für den Parkbesuch verlieren.
Nun bin ich also in Tokio und habe mich so auf den Park in Ueno gefreut. Nunja, ich empfehle ihn nicht weiter. Geht in den Friedrichshain und ihr habt die gleiche Menge Obdachloser und Turisten. Nur den obligatorischen Tierpark und den See mit Tret- und Ruderboot haben sie gleich mitgeliefert. Ein Mal herum gelaufen und zurück zum ryokan. Hier wird traditionell japanisch gewohnt. So mit Tatami und Futon und mit Gemeinschaftsbad.
Ich war mit Ken und Emiko noch teriyaki essen. Dabei habe ich mich sehr anstrengen müssen, um die Zeche bezahlen zu dürfen. Und das, nachdem Ken und ich allein im Ueno-Park waren und Emiko im ryokan meine Wäsche gewaschen und gebügelt hat! Ich konnte mich nicht wehren! Een abber Knopf mußte auch noch dran glauben und befindet sich nun wieder am Eingriff.
Und noch einmal wurde ich mit Geschenken überhäuft. Darunter war auch eines für meine Freundin und ein yukata für mich.
Kiekt selber nach, wat det is. Mir ist’s jetze zu spät, dreiviertel zwölfe in der Nacht un ick muß um sechse raus, um den Flug nach Südjapan zu kriegen. Außerdem wirkt der Text viel authistischer und ich klinge arrogant. Schön so!
Also, bis morjen aus Fukuoka.

Tag 7:

Meine erste Woche ist rum und ich sitze auf dem Bett eines Kinderzimmers ziemlich jwd von Fukuoka. Es ist immer noch sauwarm um kurz vor Mitternacht. Draußen schreien die Grillen wie überall in Japan.
Viel gesehen habe ich von Tokio nicht. Nur diesen blöden Park. Um den mußte ich auch nochmal rum, um zum Bahnhof zu kommen. Also diese Stadt ist unglaublich! Meint man als Berliner Fremdenführer, auf die Riesenhäuser am Potsdamer Platz hinweisen zu müssen, wird einer von Japanern sicherlich müde belächelt. In Tokio findet man diese Höhe alle zwanzig Meter. Hier wird wie im deutschen Mittelalter nach Frontbreite besteuert.
Per JR-U-Bahn und monoreru bis zum Flughafen und hoffen, Ken und Emiko zu treffen, die ja noch meine Restsachen haben. Nach dem Flughafen-Frühstück dann die Probe aufs Exempel. Diesmal hat alles geklappt.
Ich verabschiede mich schweren Herzens und beginne ein neues Abenteuer. Schließlich weiß ich gar nicht, ob ich in Fukuoka abgeholt werde oder auf eigene Faust meine Behausung für die kommenden zwei Wochen finden muß. Und das ist in Japan kein Pappenstiel. Es gibt keine Straßennamen und keine Hausnummern wie wir sie kennen. Hausnummern werden eher chronologisch vergeben. Ken hat mir aber Mut gemacht, daß ich einfach fragen solle, wenn ich nicht weiter weiß.
Stellt euch also vor, ihr kommt in Schönefeld an und müßtet in Birkenwerder ohne Lageplan ein bestimmtes Haus finden.
Die Zielstation habe ich schnell gefunden und der Fahrpreis steht auch gleich mit dabei. Das japanische Schienenverkehrssystem bekommt hiermit ein ordentliches Bienchen. Genauso wie die Bahn, die immer an der gleichen Stelle hält, und die Japaner, die sich an die aufgemalten Wege halten. Dazu muß es irgendwann einen separaten Absatz geben.
Ich steige aus und schlucke erst einmal. Das erste was mir einfällt: Gar nicht mal so schön! und das zweite: Wie soll ich hier ein Haus finden? Erinnert euch, ihr seid neu im Land und steht auf dem Bahnhofsvorplatz von Birke. Die Gegend um den Bahnhof im Berliner Umland ist aber schon sehr metropolenhaft im Gegensatz zu dem hier. Ein großes Wohnhaus und viele kleinere Eigenheime. Ich brauche jedoch etwas Konkretes. Auf der anderen Seite sehe ich eine Gaststätte. Ich falle auf den ältesten Trick rein. Nämlich, daß man sich in so einem Nest doch gegenseitig kennen müßte.
Ich habe auf Kens Geheiß also Informationen gesammelt. Perplex und zusammen aufgescheucht von einem Einzelnen versuchte die gesamte Mannschaft inklusive der Küche zu helfen. Einen Imai Ryuichi kannte jedoch niemand und alle zeigten nur auf die Gegend jenseits des Bahnhofs aus der ich gerade kam. Hatte ich schon die verläßliche Hitze und meine Vier-Wochen-Sachen erwähnt? Schlechter Anfang für ein Abenteuer.
Eine der Bedienungen kam mir mit einem Telefonbuch hinterher gelaufen. Auf meinen Hinweis, daß ich die Nummer von Imai-san hätte, bekam ich einen Blick der Unverständnis und ging mit ihr zur Gastlichkeit zurück. Der Herr des Hauses rief beide Nummern ohne mehr als maschinellem Erfolg an. Dann wurde auf meinen Wunsch hin ein Taxi gerufen, obwohl das in so entlegenden Gegenden nicht Usus zu sein scheint. Dafür habe ich einen Eistee als serubisu bekommen.
Ich hab die ganze Zeit mit meinem Rechner-Tablett herumgewirbelt um Namen, Adressen und Nummern anzubieten. Als ich es draußen wieder verstauen, kamen zwei Autos an, ein privates inkl. Herrn Imai und seiner Tochter als auch ein Taxi. Das haben wir nach unserer Begrüßung ignoriert und sind los.
wie es sich gehört, liegt das Haus keine fünfzig Meter von der von mir bereits eingenommen Position entfernt.
Mutti Imai kommt etwas später mit Sohnemann vom Korbball heim. Der Vati hat sonntags eine Verabredung zum yakyuu-Üben, also fahren wir mit der Tochter Aika rüber un die Jungs und Herren hauen bei der Hitze Bälle in die Luft.
Zu Abend essen wir auswärts in einem Schnellrestaurant mit japanischer und westlicher Küche (Würstchen mit Pommes).
Lustig fand ich, daß die Reihenfolge des Duschens per Bingo klar gemacht wurde. Als vorletzter war ich der Zweite und habe mir selbst ein paar Turi-Punkte gegeben als ich mit meine yukata aus dem Bad geschwebt kam und Ahs und Ohs erntete.

Der Unterschied zwischen Englisch-Lehrer Ken und Schmutzmatten-Austauscher Ryuichi könnten kaum größer sein! Kleine Wohnung gegen Haus, Kyoto-Haus gegen westliche Einrichtung, ruhige Zurückhaltung gegen fröhliches Posertum.

Tag 8:

Heute war mein erster Schultag in Fukuoka. Viel passiert ist nicht: Vorstellungsrunde, Einordnungstest, Stundenplan, lange warten und mit anderen Schülern abends Essen gehen.
Viel interessanter ist die Zusammenstellung der Lernenden. Zwei Amis, zwei Holländer und sonst nur Deutsche. Heute habe ich noch auf Gemeinschaft gemacht. Mal sehen, wie lange ich das aushalten kann. Aber dazu kommen wir mit Sicherheit noch.
Und das Wichtigste zum Schluß: Ich habe endlich einen gebrauchstüchtigen Stromkäfer-Adapter!

Tag 9:

Nun sollte es also losgehen. Meine erster, richtiger Unterricht in Japan.
Ich bin früher aufgestanden als in deutsche Land, wenn ich zur Schufterei gehen müßte! Um achte muß ich los. Als richtiger Japaner bin ich zum Bahnhof gerannt, da ich dachte, daß der Zug zur gleichen Minute fahren würde wie gestern, nur eine Stunde früher. Nach mir füllte sich der einzige Bahnsteig für beide Richtungen. Die anderen Japaner wußten eben besser Bescheid.

In den Lektionen ging es ordentlich schnell vonstatten. Wir sind zwei Schüler, eine 19-jährige, die einige Sachen nicht sofort kapiert und ich. So kann ich wenigstens meine Erklärbär-Seite pflegen. Das hilft auch meinem klein gehaltenen Ego ganz gut, da es hier Deutsche gibt, die mir im Japanischen weit voraus sind. Und ich kriege immer mehr mit, daß ich eigentlich gar nichts kann. Toll!
Am Nachmittag waren einige der Schüler in einer japanischen Grundschule. Ich dachte, daß das ein großer Spaß werden und ich immerhin mit den süßen Kleinen kommunizieren könnte. Die „Kleinen“ waren eine ordentliche Rasselbande mit Aufmerksamkeitsstörungen und fragten und fragten und ich verstand kein Wort. Schließlich habe ich mich als Klettergerüst verdingt und mit meinen Tetuus und meinem Fotoapparat geglänzt. Ich hatte, glaube ich, immer die zukünftigen yakuza an meinem Rockzipfel. So wurden wir von Aliens zu Spielgeräten und haben Papierhüte und origami-Kraniche gebastelt. Aber auch in der glühenden Hitze Völkerball gespielt.
Als ich da ankam, hatte ich mich eigentlich schon wieder weggewünscht. Es war aber ein großer Spaß!
Nach der Rückkehr habe ich mich abgeseilt und bin an den künstlichen Strand gegangen und habe dort zu Abend gespeist. Nudeln aus der Plaste-Verpackung, einen Reisbatzen und ein sehr künstlich schmeckendes dunkelbraunes Kuchenstück. Bier habe ich auf dem Heimweg auch noch gekauft. In einem Laden, in dem es alles gab! Sah von außen gar nicht so aus: Polstermöbel, Nahrungsmittel, Klamotten, kleine Damenhelfer, Fernseher, Mädchen-Klimbim und nunja auch Bier.
Das habe ich aber gar nicht getrunken. Nach der allabendlichen Dusche war ich wieder einmal knülle und bin jetzt im Bett und schreibe.

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Tag 10:

Ich weiß gar nicht, ob man in Gegenwart von Kindern in Japan Bier trinkt. Ich habe es gerade getan. Grund dafür ist natürlich die Gesellschaft. Ist doch klar.
Ich hatte nicht damit gerechnet, daß die Familie heute früher nach Hause kommen würde. Also habe ich mein eingekauftes Abendbrot auf dem Bahnhofsvorplatz eingenommen. Ihr erinnert Euch sicher. Das war der Ort – in Sichtweite des Hauses -, von dem ich erst einmal Abstand genommen hatte, als ich ankam. Es ist eigentlich eine Art Denkmal oder sowas. Na, mir egal. Es hatte Bänke und damit lud es zum Verweilen ein. Ein Katzenbild folgt.
Nachdem ich keinen Hunger mehr hatte und das dritte Spiel der neuen Serie von Angry Birds überstanden war, ging ich doch ins Haus. Ich hatte gestern Bier mitgebracht aber nicht getrunken. Und wenn man weit weg von zu Hause ist und niemand da ist, mit dem man quatschen kann, trinkt man eben ein Bier.
Nun kam die Familie doch und es war, wie es war.
Es gab nichts und nun ist es auch schon wieder vorbei, da ich im Bett liege und nach einem Halben am Denkmal und Drehung Null-Dreiunddreißigern leicht düselich bin.
Ich bin schließlich genauso müde wie gestern, hatte aber keine Lust, dieses Mal wieder vor den Kindern im Bett zu sein. Hab’s trotzdem fast geschafft, Aika hat Hausaufgaben gemacht und ich ein weiteres Helles aufgemacht. Nur Kousei kam rein und ließ sich nach der zwingenden Begrüßung auf dem Futon fallen und schlief seitdem.
Es gab mit Madame auch wieder eine schöne Konversation. Scheinbar hat ihr Vater nach mir verlangt, weil er ein Foto mit mir drauf gesehen hat. Ich fahre also am Wochenende erst mit meiner Gastfamilie nach Karatsu (westlich von unserem Wohnort), dann zum Rugby-Spiel der Fukuoka Sanix Blues (im Ostteil von Fukuoka) und danach wieder ans andere Ende der Stadt zu Faddern nach Hashimoto. Ich muß auf meinem Wege einmal umsteigen und dann bis zur Endstation, wo mich ihr Vater in einem großen, schwarzen Auto der „Marke“ Haira abholenwird.
Ich tippe ganz dolle auf Vorzeigen und sake trinken. Ich werde natürlich mitspielen. Sake laß ich mir nicht entgehen.

Die Schule war wieder anstrengend. Kein Wunder bei mehr als zwanzig neuen Wörtern und neuer Grammatik pro Tag.
Am Nachmittag sind wir (eine Grippe von gaijin) in eine Einkaufsburg gegangen, die unter anderem ein Geschoß mit Anhänger-Artileln hatte. Soviel rosa auf einem Haufen sieht man selten. Ich hab mir Notizen gemacht, mich baldmöglichst abgeseilt und bin noch ein wenig durch die Stadt geschlendert und habe besagtes Halbes nebst etwas Eßbarem ergattert.
Hatte ich schon die Sonderausgabe mit den Themen „Hundepflege“, japanische U-Bahn und Minirock erwähnt? Na, das kommt später.
Ach, beinahe hätte ich’s versäumt zu erwähnen, daß hier bei uns um die Ecke in der Nacht zehn Grad mehr auf der Uhr sind als bei Euch im deutschen Land. Das nur als Information.

Tag 11:

Ich habe heute früh in der Bahn noch gelernt. Das funktioniert ganz gut, wenn man als einer der ersten in den Zug einsteigt. Da ich jwd wohne, ist das jeden Tag der Fall.
In Fukuoka herrschen mit Sicherheit keine Tokioter Verhältnisse. Außerdem gehen die Japaner sehr zivilisiert miteinander um. Da gibt es keine Rangeleien um einen Sitzplatz oder böse Worte, weil jemand angerempelt wurde. Es unterhält sich aber auch kaum jemand miteinander. Außer natürlich in Osaka. Aber das hatten wir schon.

Die japanische Sprache überrascht immer wieder mit neuen Sachen, die aber alle gleich geschrieben und ausgesprochen werde, aber im Kontext eine völlig andere Bedeutung haben. Die te-Form der Verben beispielsweise. Dazu wollen die unterschiedlichen Ausprägungen einfach nicht in meinem Schädel (Obacht, Absicht!).
Herzlichem Dank, wer hat sich dem nur ausgedacht!?!
Den Nachmittag habe ich mit Hausaufgaben und Plattenladen-Suche verbracht. Erstes mit Lehrbuch und Stift, zweites virtuell. Mit Jatz und R&B wirste hier vollgeschmissen. Zwei lagen jedoch in der Nähe der Schule. Die wollte ich (be-)suchen. Das ist in Japan im Rechner noch einfach. In der wirklichen Welt – ja, die da draußen, geh raus und Bewegung Dich! – gibt es keine Schilder für Straßennamen. Du merkst dir also die Anzahl der Straßen und markante Geschäfte und Gebäude ringsherum. So bin ich dann erst einmal eine Straße zu früh abgebogen, habe aber gemerkt, als ich keinen Plattenladen gefunden habe. Dann zum nächsten. Der hatte zu oder ich habe den Eingang nicht entdeckt. Dafür gibt einen angeschlossenen Klub, der in der kommenden Woche von mir Besuch bekommen wird.
Nun zurück zu dem ersten Plan: Der vorherige Plattenladen. Und der ist nicht von schlechten Eltern! Leider viel zu wenig Einheimisches und kaum Punk- und schon gar keine Skins-Musike. Also habe ich mich an den guten, alten Rollfelsen schadlos gehalten. Was man eben so als Siebenzoll unter hundert Yen bekommt. Meine GruppenMitglieder kennen meinen Geschmack und fürchten sich sicher schon vor ihren Geschenken. Und ich habe die „Only Theater of Pain“ für weniger als fünfzehn Euronen bekommen. Schau!
Nach dem Bezahlen inkl. Kaum-Konversation habe ich glatt die falsche Richtung eingeschlagen, da es bereits dunkel geworden war und alles dadurch anders aussah. Bin von links oder von rechts gekommen?
Eine Stempelkarte habe ich — Moment, sieht so eine große Kakerlake aus? Wo ist mein Insekten-Bestimmungsbuch? Weg ist sie und ich kann sie wieder vergessen.
Wo war ich stehen geblieben? Ach so. Für jede 2.000 Yen bekommt man einen Stempel. Fünf habe ich schon. Wenn also einer von Euch mal nach — Also, ich kuck jetzt doch mal nach dem Viech…
’s hat sich versteckt. Schlaues Kerlchen.
Mal nach Fukuoka fahren will und in dem Plattenladen gehen möchte, kann gern diese Bonuskarte mitnehmen. Keine Scheu!
Falsche Richtung, ja. Habe ich aber gemerkt und bin dann zu ner anderen U-Bahn-Station gegangen. Vorher noch ein Selbstversuch gefällig? Ein Udon-Restaurant mit mir als Gast! Ich bin kaum drin und werde freundlich aus vielen Kehlen begrüßt, da habe ich schon für meine Bestellung auf ein Gericht getippt und ein Bier dazu bestellt. Schließlich habe ich die ganzen Strapazen auf mich und meine Umgebung genommen, um genau das tun zu können.
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Auf die Karaoke-Abschiedsfeier einer deutschen Schul-Angestellten hatte ich nun aber keinen Bock mehr. Mir war ein ruhiger Abend mit zerbrochenem Japanisch dann doch lieber als angespanntes Fröhlichsein auf Englisch und Deutsch mit Leuten, die ich auch nicht kenne.
Für das Wochenende gibt es zum Glück schon einen Plan. Erst ぢえFestung in 唐津 besichtigen mit der Gastfamilie (http://www.karatsu-kankou.jp/), dann in die Stadt zurück auf die andere Seite des Flughafens zum Rugby-Spiel und im Anschluß wieder mit Der U~-Bahn in die andere Richtung zum Vorzeigen beim Vater der Gastmutter, der wieder aus dem Krankenhaus zurück ist. Dort wird wohl übernachtet. Und am Sonntag wardie Rede von einem onsen-Besuch. Juhu!
Oh, Mann, es ist schon wieder ein Uhr. Also nichts mehr mit „An-zu-Hause-denken“. Einschlafen sofort!

Tag 12:

So wie jetzt gerade muß ich zweimal umsteigen, um zu meinem zeitweiligen Heimatort Misakigaoka zu gelangen. Nicht (allzu) dumm nutze ich die Gelegenheit,die Tages-Auswertung zu schreiben. Der SchulStoff war heute besonders anstrengend, da ich immer noch eine Lektion nachholen muß.
Nach Schulschluß um halb drei habe ich erst einmal die neue Staffel von Angry Birds ausprobiert. Sehr lustig, wie für mich gemacht. Es ist eine asiatische Runde, wenn auch eher für ein chinesisches Fest gedacht. Ich glaube, daß es Mondkeksfest heißt.
Mein schönstes Ferienerlebnis für heute war allerdings der Besuch eines とこや.
Die Jungs haben nicht schlecht gekuckt, als jemand mit dem Hundertstel ihrer Haarlänge um Kürzung bat. Wie alles andere auch geht hier mal wieder alles anders als im Westen. Doch nicht alles ist schlecht im Osten! Nachdem ich mich breit gemacht hatte, deutete das tapfere Schneiderlein auf einen unscheinbaren Automaten an der Wand. Zum Glück wußte ich bereits, daß es tausend Yen kosten würde. Also habe ich bezahlt und eine Nummer erhalten: 0291. Aktuell war wohl gerade etwas um die 0285. Die aufgerufenen Nummern hatten so gar nichts mit gelernten Zahlen zu tun. Toll. Ich habe meine Nummernkarte offen hingelegt.
Überrascht war ich schon als mich einer der Wartenden, er war vor mir da. Nun dann, laßt den Künstler ran (Pöt).
Ich bin zu müde und Schlaf jetzt ein. Bis morgen.

Tag 12 (Teil 2):

Zuerst kam die breite Maschine dran. Und was war der Künstler zaghaft. Die Hälfte wollte er nur abrasieren. Nach einem Hinweis ging’s dann richtig los. Bei Frisören scheint es wohl üblich, nicht einfach der Reihe nach alles abzusäbeln sonder mal hier und mal da ‚was zu entfernen. Die schmale Maschine wurde dann für die empfindlichen Ränder benutzt. Die tausend Yen mußten ja irgendwie verdient werden. so nun noch mit dem Staubsauger den Schädel abgefegt, fertig.
Der Hammer war allerdings, daß Kumpelkeule im Anschluß an meine Augenbrauen ran wollte. Wat soll ick sagen, ick hab ihm den Spaß auch jegönnt. Somit habe ich — ja, hier steht’s — gestutzte Augenbrauen! Das trägt man hier so! Det is Kultur, Freunde!
Und so bin ich dann wieder auf die Straße und habe mir im Buchkaufhaus statt nem hentai ne Karte von Kyuushuu gekauft. Da ich sie nicht sofort gefunden hatte, habe ich einfach mal gefragt und bin direkt hingeführt worden. Die Dame hatte wohl Schiß, mir den Weg zu erklären. Immerhin mache ich Fortschritte in Konversation.
Draußen flennt gerade ein Kind auf Japanisch und scheint ordentlich bockig zu sein. Gar nicht so anders von der Lautkulisse her.
Auf Japan kommt wohl ein Taifun zu. Bei uns merkt man das am endlich mal bedecktem Himmel und ordentlich Wind. In der Nacht (heute ist schon Sonnabend) hat es auch geregnet. Der Taifun ist auch daran Schuld, daß ich heute nicht nach Karatsu gefahren wurde. Es ist wirklich ganz schön stürmisch. Ryuichi hat den Ausflug auf den kommenden Sonnabend verschoben.
Zur Beruhigung der mitlesenden Familienangehörigen, der Taifun fegt über die Insel Shukoku hinwegtäuschen. Das ist von Berlin aus zwar irgendwie in der Nähe aber doch ganz schön weit weg von hier.
Kohei mußte gestern Abend noch Aufgaben nachholen, die er eigentlich in den Ferien erledigen sollte. Der Grund, warum er sie noch nicht erledigt hatte, offenbarte sich schnell. Rechnen ist nicht so ganz seine Stärke. Papa hat ihm dann lang und breit alles erklärt. Ich habe nichts verstanden. Kohei erging es nicht anders. So hat Papa seinen Ausführungen auch etwas Nachdruck verliehen. Ich habe gerade mal wieder mit den verärgerten Vögeln herumgespielt. So habe ich nicht mitbekommen, wohin es geklatscht hat. Nun gab es stille Tränen, Erklärungen ohne weiteren Nachdruck und einen heißen Radiergummi.
Nach und nach sind alle eingeschlafen und ich bin auch abgedüst. Mama war irgendwie nicht zu Hause, sie hatte irgendwas von shigoto erzählt.

Ich wollte auch noch ‚was zur Sauberkeit in Japan erzählen. Obwohl kaum Papierkörbe zu finden sind, findet man keinen Dreck auf den Straßen. Ich habe auch keine Straßenfeger gesehen. Die Menschen hier scheinen ihren Müll einfach mitzunehmen. Auch schön!

Kleiner Exkurs:
Ich habe eine Idee, wie die Turbolover endlich den internationalen Durchbruch schaffen werden. Alees eine Frage der äußeren Erscheinung. Ich stell gleich mal ein Foto auf die Startseite und ihr dürft raten, wer wer ist. Das erste Konzert nach dem neuen Konzept findet am Tag der Republik diesen Jahres statt. Seid dabe Tag 13:
Na, super. Erst wird die Reise nach Karatsu verschoben, dann ist schlechtes Wetter und nun bin ich auch noch für nichts und wieder nichts durch die Stadt gefahren, um ein Rugby-Spiel der Fukuoka Sanix Blues anzuschauen. Sogar eine Busfahrt habe ich auf mich genommen.
Ich habe auf deren Weltnetz-Seite einen Platz gefunden, der sich jedoch als reines Fußballstadion entpuppte. Ich habe jemanden gefragt, ob er etwas wüßte, hat er aber nicht. Und weil ich schon mal draußen war und in der Nähe noch ein Leichtathletik-Stadion war, habe ich es dort versucht. Auch dort Fehlanzeige.
Also mit dem Bus wieder zurück. Ist schließlich trotz der Wärme naß von oben und ich wollte den ganzen Weg nicht wieder zurücklaufen. Doch auch der Bus lies mich lange im Stich. Er hat gewartet bis auch ich naß war. Vorher kam noch ein Herr und hat sich den Fahrplan angeschaut. Danach hat er ein Taxi herangerufen. Was für ein Spinners, dachte ich da noch. Jetzt heißt er Schlaukopf bei mir. Seine Klamotten sind bestimmt. Nicht halb so naß wie meine.
Ich habe noch ein bißchen Zeit, bis ich den Vater meiner Gastmutter anrufen werde. Ich werde auf Japanisch telefonieren. Hab ich ein Schiß. Das mit dem Japanisch geht doch auf der Straße schon kaum.

Ha, zur Ablenkung habe ich mir in einem französischen Café einen Kaffee und zwei Stück Süßes geholt. Ich hätte auch Lust auf was Herzhaftes, aber ich traue den Franzosen nicht. Müssen immer irgendwo Käse verstecken.
Für die kommende Woche nehme ich mir vor, einmal die Außenbezirke von Fukuoka zu erkunden. Ständig diese Klamottenläden ermüdet ganz schöo.

Tag 13:

Na, super. Erst wird die Reise nach Karatsu verschoben, dann ist schlechtes Wetter und nun bin ich auch noch für nichts und wieder nichts durch die Stadt gefahren, um ein Rugby-Spiel der Fukuoka Sanix Blues anzuschauen. Sogar eine Busfahrt habe ich auf mich genommen.
Ich habe auf deren Weltnetz-Seite einen Platz gefunden, der sich jedoch als reines Fußballstadion entpuppte. Ich habe jemanden gefragt, ob er etwas wüßte, hat er aber nicht. Und weil ich schon mal draußen war und in der Nähe noch ein Leichtathletik-Stadion war, habe ich es dort versucht. Auch dort Fehlanzeige.
Also mit dem Bus wieder zurück. Ist schließlich trotz der Wärme naß von oben und ich wollte den ganzen Weg nicht wieder zurücklaufen. Doch auch der Bus lies mich lange im Stich. Er hat gewartet bis auch ich naß war. Vorher kam noch ein Herr und hat sich den Fahrplan angeschaut. Danach hat er ein Taxi herangerufen. Was für ein Spinners, dachte ich da noch. Jetzt heißt er Schlaukopf bei mir. Seine Klamotten sind bestimmt. Nicht halb so naß wie meine.
Ich habe noch ein bißchen Zeit, bis ich den Vater meiner Gastmutter anrufen werde. Ich werde auf Japanisch telefonieren. Hab ich ein Schiß. Das mit dem Japanisch geht doch auf der Straße schon kaum.

Ha, zur Ablenkung habe ich mir in einem französischen Café einen Kaffee und zwei Stück Süßes geholt. Ich hätte auch Lust auf was Herzhaftes, aber ich traue den Franzosen nicht. Müssen immer irgendwo Käse verstecken.
Für die kommende Woche nehme ich mir vor, einmal die Außenbezirke von Fukuoka zu erkunden. Ständig diese Klamottenläden ermüdet ganz schön.

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Ich sitze nun in der U-Bahn nach Hashimoto. Der Gespräch mit otoosan war kurz, präzise und zweisprachig. Zwei Sitze neben mir schläft ein Typ und hält sich wacker in Halb8-Stellung. Mal sehen, wann er auf meiner Schulter aufschlägt.

So nun ist Nacht und ich bin im Bett irgendwo außerhalb von Fukuoka. Ich wurde an der Endstation von einem eher unscheinbaren Japaner abgeholt, der meinen Namen kannte und tatsächlich ein großes schwarzes Auto fuhr. Er hatte Hunger, ich auch. Also lud er mich zum Essen in das Einkaufszentrum gleich neben der U-Bahn ein.
Es stellte sich heraus, daß er Witwer ist und eine Japanerin in Frankreich als Freundin hat. Er spricht ganz leidlich Englisch, wofür er von mir auch ein Lob bekommen hat. So machen wir Japaner das eben.
Nach dem Essen wurde klar, warum ich ihn schon in Tenjin beim Umsteigen anrufen sollte. Der Mann wohnt jwd außerhalb, bereits in der nächsten Präfektur. Das Haus ist großartig! Er hat ein Klavier, spielt Cello, Geige und Gitarre und hat dazu noch als Steckenpferd eine Sammlung teurer aber gut klingender Musikanlagen sowie ein selbstgebasteltes Paar Boxen. Die würden den Kohl aber auch nicht mehr fett machen, hat er doch zwei mächtig dicke Sony-Boxen. So groß wie zwei große Wanderrucksäcke. Es ist der einzige Mensch, den ich kenne, der einen Extra-Equalizer für Stimmen hat.
Nachdem die Familie ebenfalls angerückt war, ging es auf in Richtung onsen. Das ist im Prinzip eine Senator mit mineralischem Quellwasser. Vorher gab es noch ein kurzes Getuschel wegen eines irezumi. Herauskam, daß mich nun doch mein bemalter Arm einholen sollte. Alle Achtung, sie haben mich trotzdem mitgenommen. Ich sollte jedoch mein Tehtuh bei der Ankunft im onsen nicht zeigen. Tehtuhs werden von Japanern ungern gesehen, da sie weiterhin das Sinnbild für Verbrechen sind. Also habe ich bei der Begrüßung die Schulter hochgezogen. Wie sollte das aber im Bad selbst funktionieren? Schließlich ist man hier komplett nackig unterwegs. Die „Lösung“ war ein Mini-Handtuch, das man sowieso zum Waschen vor dem Eintritt in das Becken benutzt. Ich hatte es über meine Schulter gelegt, so daß es das Bild verdeckte.
Nach den verschieden warmen bzw. dem kalten Becken nach der Sauna zeigte mir Seiji ein Schild an den Klappen für die Sachen, auf denen eindeutig stand, daß irezumi im onsen nicht erlaubt sei. Das hat er mir zum Glück erst nach dem Bad gezeigt. Vielleicht wäre ich sonst gar nicht reingegangen.
So hatte ich meine Erholung und habe mit Kousei ein paar Handtücher hin und her geworfen. Zurück im Haus wurde ich noch Zeuge eine Hulahula-Tanzübung und durfte mitAika noch Herrn Disneys Rapunzel in japanischer Sprache sehen.
Nun habe ich die Zeit wieder eingeholt und ihr seid auf dem Laufenden.

Tag 14:

Bergfest. Die Hälfte ist geschafft.
Berge sind ein gutes Stichwort. Eine mir sehr wichtige Person hätte heute ihre wahre Freude an diesem Ausflug gehabt, vor allem in diesem einen bestimmten Wagen, der an uns vorüber gesaust ist. Es war einerseits kühl andererseits kann man Japan auch Ost-Serpentinien nennen. Ein Foto von dem roten Flitzer konnte ich allerdings nicht machen. Das ging einfach zu schnell.
Es ging heute bei ständigem Regen, der nur aussetzte, wenn wir grad inhaus waren, auf Besichtigungstuhr. Ich hatte keinen Plan, wohin es gehen würde. Von einer Papierherstellung war die Rede.
Erster Stopp war ein Markt namens ma-chan, was ungefähr soviel wie Mütterchen heißt. War hübsch dort. Vor allem die beiden Kleenen haben sich herrlich vor dem Fotoapparat produziert. Danach war wohl ein Aufenthalt am See geplant. Wegen des einsetzenden Regens sind wir aber in eine Art Naturkunde-Kabinett gegangen. Wer was für Kinder, die zur Verfügung stehenden Latschen waren mir viel zu klein. Na und? Ich hab‘ sie trotzdem angehabt.
Danach sind wir an einem alten Haus vorbei gekommen, in das die Familie früher beinahe eingezogen wäre. Drin sah es noch fast so aus, als ob jemand nur mal kurz weggegangen wäre.
Nächster Punkt auf der Tuhr war ein altes japanisches Haus, in das man auch reingehen konnte. Auch der Dachboden war nach traditioneller Weise gebaut. Die Feuerstelle war warm Kollege Großvater kannte die Hausbetreuerin scheinbar. Jedenfalls hat er eingehend mit ihr geplauscht.
Französisches Essen gab es dann „leider“ doch nicht. Die Gastlichkeit hatte geschlossen.
Zum guten Schluß kam dann die Papierherstellung dran. Zumindest gab es die Ergebnisse und ein Video mit einem bei mir nicht so berühmten Fußballspieler zu sehen. Wirklich wunderbare Sachen!
Dann lieber doch nach Hause zum Großvater, der wie angekündigt, seine Kochkünste unternehmen Beweis stellen wollte. Die Zutaten haben wir dann in der etwas größeren Kaufhalle gekauft, in der auch Ryo arbeitet.
Das Abendessen, das wir nach der Rückkehr ins Imai-Haus gegessen haben, war nicht umwerfend aber wirklich gut.

Ich habe heute ja nun die Wege gesehen, über die der alte Herr gestern drüber gebrettert ist. Schönen Dank, daß es dunkel war! Er fährt einen Toyota Harrier. Dicker Brummer!
Besonders beeindruckend war die Zufahrt zum Mitsuse-Tunnel. Es geht in einer Spirale auf die nötige Höhe! Hab ich so noch nie gesehen.
Elvis, ich habe dir die Schriftzeichen festgehalten. Die kannst du dir dann auf die Arminnenseite oder auf den Knöchel hacken lassen. Allerdings hast du dann wahrscheinlich trotzdem Schwierigkeiten in den japanischen Bädern.

Morgen geht die Schule weiter. Für die beiden Kinder, aber auch für mich. Vor dem Essen und Kousei auch noch danach haben wir unsere Hausaufgaben erledigt bzw. nachgeholt.

Tag 15:
Keine Atempause …
Ich glaube, daß ich noch nie soviel Schekel auf einmal für Kompaktscheiben ausgegeben habe wie heute. Ich habe so etwas wie WOM gefunden. Ihr erinnert euch? Hier heißt es Tower Records und erstreckt sich über drei Etagen, von denen aber nur eine wirklich interessant, d. h. mit rockähnlicher Musike bestückt, ist. Was man normalerweise von „Punk“-Musik bei solchen Läden zu halten hat, wird sich hoffentlich nicht bewahrheiten. So, wie ich vorhabe, die R’n’R-Platten auf der Geburtstagsfeier meines Onkels zu spielen, werde ich Euch bestimmt am 07.10.2011 etwas Japan-Punk anbieten können.
Zwischen der Schule und meinem musikalischen Fischzug lag noch etwas Kultur. Ich war in Dazaifu, dem Tempel-Mekka von Fukuoka. Ich habe auch wieder in fremden Gewässern gefischt, was Blumen und Katzen angeht. Keine Angst, ich werde euch nicht mit Bildern davon belästigen. Die sind sowieso nur für einen Einzige bestimmt.
In Dazaifu steht ein sehr schöner, alter Shinto-Tempel, mit einem zugehörigen Garten. Ja, ihr wißt schon: junge Felsen, plätscherndes Wasser und Harken. Als Zugabe gab es dieses Mal eine Brücke über den Teich und unheimlich alte (weil dicke) Kampfer-Bäume. Einige nicht mehr ganz so junge Jugendliche haben die Kousei gefüttert und ein Fischreiher hat das Ganze aufmerksam aus zwei Metern Entfernung beobachtet. Dem Gelächter der Jugend nach bin ich nicht sicher, ob es wirklich Futter für Fische war, um das sich die armen Karpfen gebalgt haben. Auf dem Rückweg habe ich durch Zufall im letzten offenen Geschäft der hundert Meter Tuhri-Abzocke drei mit süßem Bohnenmus gefüllte Teigtaschen erstanden, die ich – noch warm – nach dem Ausstieg in der Innenstadt gegessen habe. Den Namen hat mir Ryo zwar gesagt, ich habe ihn aber schon wieder vergessen. Die sollen wohl für Dazaifu berühmt sein.
Die Tempel-Anlage liegt etwas weiter außerhalb und trotzdem habe ich mich dem japanischen Verkehrswesen wieder einmal anvertraut. Zu Recht, kann ich immerzu wiederholen. Musike auf den Bahnhöfen genauso wie an den Fußgänger-Ampeln in der Stadt.
Eigentlich sind mir die japanischen Großstädte bis auf die gehäuften handtuchbreiten Hochhäuser garnicht so fremehr oder gar exotisch. Nur klitzekleine Dinge machen dann den angenehmen Unterschied aus. Toll.
Ich bin auf die kommende, noch immer planlose Woche gespannt, in der ich wohlmöglich mehr Land sehen werde.
Apropos Land. So einen Abstzanfang wollte ich schon immer einmal benutzen.
Ich habe nach dem Kauf der Kompaktscheiben mit mir gerungen, ob ich lieber gleich nach Hause fahren oder doch noch schauen sollte, ob es in dem bunten Haus, das ich auf meiner Suche nach den Plattenläden in der vergangenen Woche gefunden hatte, nicht doch heute noch ein Konzert geben sollte. War aber wieder nichts. Das Gespräch mit den beiden jungen Menschen ergab, daß es gestern schon recht voll gewesen sei aber heute hier nichts los ist. So trollte ich mich wieder, nicht aber ohne noch bei der anderen Gelegenheit vorbei zu schauen.
Ich hatte euch doch von diesen Geschehnissen berichtet, oder?
Dort war alles zu. Doch kam gerade jemand vorbei und klopfte an. So blieb ichsuf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen und schaute zu. Es wurde geöffnet und ich traute mich dann auch näher. Der Laden war leer, hatte aberein Plakat im Fenster, das auf ein R’n’R-Konzert am Mittwoch in diesem Schuppen hinwies. Na, da bin ich aber froh! Da wird am Mittwoch nach der Schule kurz gespeist, danach geht’s in den Klamottenladen, den ich auf dem Rückweg gerade noch entdeckt hatte und dann ist hoffentlich endlich wieder Rock (nur musikalischer!) angesagt. Kann es nicht gleich Mittwochabend sein?

Ach, hatte ich gestern eigentlich erwähnt, daß es in den Pausen von Rumtoben in Seijis Haus in einem Fort (schreibt man das so?) Für Elise probiert wurde. Eigentlich garnicht schlecht für ne Zehnjährige aber immer wieder mit Verspielern und falschen Tönen. Das ist auch Kultur, oder?
Ein Schmankerl hatte ich aber jedenfalls noch nicht zum Besten gegeben: Kurz nach der Dunkelwerden wurde die Bühne freigemacht für zwei junge Damen, die sich je mit einem Rock zusätzlich bekleidet hatten und zu Hawaii-Musike einen entsprechenden Tanz aufführten. Korrigierendes Element war das Spiegelbild im großen Fenster nach draußen. Mir war es etwas unwohl in meiner Haut. Na, und!

Ab morgen fängt mein Unterricht erst um halb elf an. Eigentlich ein Segen. Nur bleibt dann abends weniger Zeit zum Stromern. Ich bin dann aber hoffentlich nicht mehr so müde, da ich immer bis in die Puppen für euch alles aufschreiben. Ja, ist schon Recht. In meinem Alter kann man sich sonst nicht mehr alles merken…

So ist doch für einen gar nichtso ereignisreichen Tag doch wieder eine Anzahl Zeilen zusammengekommen. Ich reiß‘ mich morgen wieder ein bißchen zusammen.

Tag 16:

Ich war bisher noch gar nicht im Meer baden. Nur einmal habe ich meine Füße ins Wasser gehalten. Das war am Strand in Fukuoka beim Fukuoka-Tower, kurz hinter der riesigen Brennball-Halle.

So, bis jetzt habt ihr nüchterne Kost bekommen. Heute bin ich zum ersten Mal angetrunken. Das liegt vor allem daran, daß ich weniger esse als zu Hause und bei der Verabschiedungsfeier einer Schülerin neben dem gar nicht so starken Bier drei sake, ein chuusho und zwei Zubrowka hatte. Ja, wir waren in der „International Bar“ und sie hatten, nachdem der Sake alle war (!) noch richtigen Wodka! Das lag aber auch nur daran, daß jemand einen Rußlanddeutschen mitgebracht hatte. Wir sind beide an die Bar gegangen und haben uns den anwesenden Wodka zeigen lassen. Die Bardame hatte einen Wodka namens „Wilkinson“ – zum Mischen, kein überzeugender Start. Dann holte sie die Zauberflasche aus dem Eisfach. Zubrowka, eisgekühlt!
Ich habe lange nicht mehr soviel englisch gequatscht wie heute.
Mann, der Typ schräg gegenüber in der U-Bahn hat doch tatsächlich abgenutzte Springerstiefel an. Der Rest von ihm sieht nicht so aus. Ich hab ein Foto von ihm gemacht. Macht euch euer eigenes Bild.

Nun sitze ich hier an der Endstation der Fukuoka-U-Bahn und habe eine halbe Stunde Zeit bis mein Zug kommt, der mich nach Hause bringt. Ich hätte also noch einen Zubrowka vertragen dürfen.
Die Musik ist sehr beruhigend auf dem Bahnhof. Trompete in X-Moll, danach Klavier t nicht weniger einschläfernd. Meine Hausaufgaben mach ich wohl besser morgen. Ich kriege wahrscheinlich keinen trockenen Satz mehr hin. Konversation wäre natürlich noch möglich. Das ist aber kein Unding. Ich habe auch schon in Ungarn unter Alkoholeinfluß über ungarische Politik konferenziert. Angeber, ich!

Ein wichtiges Jungs-Dings habe ich heute noch erledigt. Ich glaube, daß ich ausgelacht worden wäre, hätte ich es nicht getan. Ich habe ein hentai erstanden. Keine Ahnung, ob es gut ist oder nicht. Soll ich es prüfen, und ein besseres besorgen, wenn es nichts taugt?

In der Schule gab es heute weitere, verwirrende Konstruktionen. Die Japaner bauen ihre Muß-Sätze in einen Negativ-Satz. Und der Ich-muß-dies-und-das-nicht-Satz ist von positivem Charakter. Recht haben sie. Zum Glück haben sie das gleiche Problem beim Deutschlernen.
Ich bin übrigens voll der Bringer, wenn ich im Zug mit meinem Rechner-Tablett diesen Bericht schreibe. Die Japaner sind zum großen Teil noch bei Klapptelefonen. Aber selbst darauf lassen sich Spiele spielen. Wenn nicht, gibt es immer noch die PSP.
Mein Gott, die U-Bahn aus der Stadt kommt alle paar Minuten an, nur der Zug nach außerhalb fährt nur alle Stunde oder so.
Ich hatte ja versprochen, mich kurz zu halten. Ich hoffe, daß der japanische Alkohol mir nicht allzu viele Schnitzer reingebaut hat…

Eins habe ich noch nicht erwähnt:
Japaner mit Atemschutz sind man gar nicht so häufig, wie es das Fernsehen weis (weiß?) machen möchte.

Tag 17:
Die Tage fliegen vorbei und ich freu mich schon, in die Arme meiner Freundin zu fliegen. Holt mich jetzt das Heimweh ein?
Ich kann zwar auf Japanisch sagen, daß ich nachdem ich aufgestanden bin, eine Dusche genommen und Frühstück gegessen habe. Aber einem Verkäufer beizubringen, daß ich gern einen USB-Adapter für mein märchenhaftes Tablett haben möchte, ist nicht drin.
Ich esse gerade ein Eier-Kroassong. Nicht übel! Die Sportabteilung dieses Kaufhauses besteht aus einem Fußballaden (schön anzuschauen, dieses Wort!), einem schmalen Fahrradstand und einem Bereich fürs Wandern.
Es geht ein Kaufhaus ins andere über und ich hab den Überblick verloren. Ich werde aufessen und flüchten. Jetzt gleich!

Nur sag ma eena, daß die Japaner nich ausrasten können. Auf dem Weg vom Veranstaltungsort nach Hause habe ich zwei Kotzehaufen gesehen.
Mann, war ick froh, endlich wieder lebendige Musike hören zu können. Det Plakat hat vom Anschein her R’n’R versprochen. Als ich zögerlich am Ort ankam, löste sich prompt ein Japaner aus seinem Gespräch und fing mich ab, bevor ich auch nur meine Börse gezückt hatte, und frug mich, weshalb ich denn dort wäre. Er war überaus begeistert, daß ich wegen der Musike da war. Er war einer der Auftretenden und hat mich zum Vorzugspreis reingeschleust. Zweitausend Yen waren auch so ein stattlicher Preis, fand ich, es war allerdings auch noch ein Getränkeschein dabei.
In unserer kurzen Unterhaltung kam heraus, daß es mitnichten R’n’R war, der präsentiert werden sollte. Haltet euch fest! Es war ※☆∴ mit Punk-Einflüssen! Kennt ihr eine Musikrichtung mit drei Buchstaben?
Die Hauptkombo war aus Boston, Mass., schon älteres Semester und hieß „Big D and the Kids Table“. Mich hatte wohl die Umgebung so weich gekocht, daß ich nicht sofort geflüchtet bin. Außerdem hat mich der Japaner so bestimmend in das Lokal gelotst, daß ich nicht entkommen konnte. Und, ich wollte ja handgemachte Musike hören.
Als erstes habe ich natürlich den Freigetränke-Schein in Bier umgewandelt. Ein etwa null-dreiunddreißiger Bier kam hier 500 Yen!
Von der ersten Vorgruppe habe ich nur noch die Abschiedstakte gehört. Es war aber noch nicht die Kombo von Ich-weiß-gar-nicht-wie-er-heißt. Die sollte als Nächste aufspielen. Die Zeit der Umbaupause habe ich mit kurios in der Gegend herumkucken und kurios angekuckt werden verbracht. Schließlich war ich im Durchschnitt dreißig Zentimeter größer und stand auf den Treppenstufen. Als es mir langweilig wurde, bin ich zum Märchentauchen-Stand gegangen. Genau im richtigen Augenblick habe ich interessiert geschaut und flux hatte ich ein T-Hemd und zwei Kompaktscheiben als Geschenk von eben jenem japanischen Musiker in der Hand. Sie hatten gerade ihren Namen geändert. Von „Astoria“ in „The Convictions“.
Das nächste Bier war genauso wie das erste ein Heineken vom Faß. Nicht überragend aber auch nicht störend. Kurz darauf sprach mich der Sänger der Amis an. Es entspann sich ein kurzes Hinundher und wieder die Aussicht auf ein Freiexemplar. Ich habe mir Vinyl von ihm gewünscht. Wenn nur der Bassist den Platz am Verkaufsstand räumen würde, hätte ich sofort eine Scheibe.

Ich bin ein wenig abgelenkt. Es ist halb zwölf und mein Anschlußzug kommt nun nach einer halben Stunde, ich habe Hunger und neben mir steht mein Abendbrot. Den Reisball habe ich schon gegessen. Der Rest kommt dann in Misakigaoka dran.

Die japanische Kombo begann und der Laden tobte. Ordentlicher ※☆∴ mit sehr viel Punk drin. Der kleine Saal für zirka hundertzwanzig Leute hat gekocht. Schließlich kommen „The Concictions“ aus Fukuoka. Zirkelpeter und Bühnentauchen zu ※☆∴-Musike. Alle Achtung!

Der Typ im Zug neben mir ist scheinbar so voll, daß er mir gleich auf meine Vinylscheibe fällt. Gambatte!

Der Zeitplan war vorgegeben. Und so war nach doch viel zu kurzer Zeit auch schon wieder Feierabend. Umbaupause Nummer zwei. Ich habe unserem japanischen Freund auf jeden Fall meine Bewunderung ausgesprochen. Dafür sind sie sehr empfänglich.
Ich habe mich hinreißen lassen und habe auch Nov h die Kompaktscheibe der verpaßten Japaner gekauft. Tausend Yen, die beiden kuriosen Anstecker gab es überraschend dazu. Ach so, die jungen Herren nennen sich „Club Sandinista!“
Ich habe mich dann wieder an die Bar gestellt und dreingeschaut. Nicht mal der zweite gaijin-Gast nahm Notiz von mir. Eindeutig ein Deutscher. Ich haßte ihn sofort, da er besser japanisch kann als ich. Angestachelt ließ ich mich auf die neugierigen Blicke zweier Mädchen ein, die versuchten, mein Tehtuh zu entdecken. Ich habe bereitwillig meinen Ärmel hochgezogen und schon waren wir im „Gespräch“.
Es lag sicherlich an den Flachland-Bieren, daß ich erklären konnte, was ich hier machte und warum. Die nächste Kombo begann. Die Amis nun.

Der Herr Besoffki ist pünktlich an seiner Haltestelle aus dem Dschum erwacht und ausgestiegen. Immer wieder erstaunlich, diese Japaner!

Es gab Musike, wie von Bostoner Gruppen gewohnt, nur eben mit diesen störenden Rhythmen und dem Blechblas-Scheiß! Ich habe mich sogar zum Kopfwackeln und Fußwippen verleiten lassen! Das muß an den Augenbrauen liegen. Sie wurden geliebt, diese Amis, wieder mit Imkreisherumtoben und von der Bühne hüpfen. Nach der Zugabe hat sich Sänger-Keule mit fast allen Mädels ablichten lassen, der alte Poster. Schlimm sowas!
Japaner sind sehr kontaktfreudig und haben Sehnsucht nach deutschen Landen. So bin ich dann erneut angesprochen worden. Wie immer ohne Folgen, versprochen!

Ich habe meine Platte dann noch bekommen. Die großen D fahren im Anschluß nach China weiter und ich fuhr nach Hause. Im Winter spielen diese Weltenbummler dann im „Wild at Heart“. Ich hab‘ versprochen, sie dort zu sehen. Kommt bitte dann jemand als Unterstützung mit? In Berlin sind die Augenbrauen wieder nachgewachsen und ich kann diesen Lärm nicht ertragen.

Normalerweise treten hier im „Early Believers“ eher alternative Kombos und Hiphop-Pfeifen auf. Nur am 28.09. diesen Jahres spielen Discharge hier. Wer also Zeit hat, sollte sich das nicht entgehen lassen.

Ha, meine Base wollte unbedingt etwas mitgebracht bekommen, das es nur in Japan gibt. Ich glaube, daß ich heute das Richtige für sie gefunden habe: Den kostenlosen HIPHOP-INSIDER. Der lag dort aus. Hui, wie wird sie sich freuen!

Als ich zu Hause ankam, war alles schon dunkel. Ich habe also schnell mein Abendbrot verschlungen und bin nochmal runter zum Zähnebürsten. Morgen gehe ich gleich nach der Schule heim. Ehrenwort!

Tag 18:
Nun bin ich also auf dem Weg nach Hause. In der Schule war das Telefonat mit meiner Liebsten das bei weitem Aufregendste. Mal sehen, wie der Abend wird.

Der Abend war geprägt von Hausaufgaben und mit den Kindern rumtoben.
Ich habe beim Schnick-Schnack-Schnuck verloren und durfte als Erster in die Dusche. Kousei ist dann direkt von seinen Hausaufgaben zum noch zusammengelegten Futon gegangen und eingeschlafen. Und ich habe mich dann auch in mein Zimmer verkrümelt.

Ich habe allerdings schlecht geschlafen. Wahrscheinlich, weil ich immer noch nicht weiß, wohin ich in der kommenden Woche hinfahren werde. Ichhabe mich entschlossen, keine großen Sehenswürdigkeiten mehr abzulappern, sondern einfach irgendwo in der Nähe der Küste ein paar Tage der Ruhe und Langeweile zu verbringen. Vielleicht hilft mir ja die Tuhri-Information in Fukuoka weiter. Mal sehen.

Tag 19:
Was heute passiert ist kann ich gar nicht sagen. Eigentlich hatte ich erwartet, daß wir ganz entspannt in Familie Rugby kucken und ich kurz vorm Ende meines Aufenthaltes noch die Mitbringsel aus Berlin loswerden kann.
Als ich nach Hause kam, hatte ich gedacht, daß ich viel zu spät ankomme, da ich noch ein paar omiyage für die Zurückgeblieben besorgt hatte. Doch einzig Aika las einen Manga, der Rest war ausgeflogen. Ryuichi war wohl noch auf Schicht und anderen beiden bei Kouseis Korbball-Üben. Da ich heute früh von Ryo gefragt worden bin, ob ich abends Heimesser wäre, ist sie anscheinend auch von einem geruhsamen Abend ausgegangen.
Ich bekam mein Essen. Den Salat — Seefrucht mit Gurke und Marionese — hat sogar Aika gemacht. Alles war lecker, Ryuichi war noch nicht da und es gab Mitschnitte vom Hula-Festival von Fukuoka im Fernsehen.
Kurz nach neun kam dann der Herr Vater heim. Er sagte nicht viel, bekam sein bangohan und die Rugby-Aufzeichnjng wurde gestartet. So weit so gut.
Ryuichi hat sich dann seine Frau geschnappt und beide sind irgendwie raus gegangen. Aika war duschen, Kousei beim Einschlafen auf dem Sofa und ich hatte inzwischen die Geschenke aus Berlin vorbereitet. Gut, warte ich eben.
Die beiden kamen zurück und etwas stimmte nicht. Ich bekam nichts mit und auch nichts gesagt. Ryuichi entwand seine Frau das Unterwegstelefon und kurz danach auch das lose Teil des Festnetz-Gerätes. Sie sollte eben nicht telefonieren. Danach hat er sie noch einmal zur Unterredung nach draußen getragen und irgendwas schepperte draußen. Mann, was geht denn hier los?
Ryuichi ist nicht mehr aufgetaucht bzw. blieb in seinem Extra-Zimmer, Kousei schlief, Aika schaute sich wieder ihren Manga an, ich trank ein Bier zum Rugby-Spiel Neuseeland gegen Tonga und Ryo stand irgendwie wie Falschgeld rum und hielt sich einen kleinen Eisbeutel an den Arm. Na, toll!
Der Abend endete sehr hoch zu zehn für Neuseeland, mit einem weiterhin nicht aufgetauchten Ryuichi, einer gefaßten Ryo, einem schlafenden Kousei, einem verwirrten Herrn M. und was Aika gemacht hat, könnt ihr euch denken.
Was für unsinnige Aufzählungen! Meine Geschenke bin ich also nicht losgeworden und von der morgigen Reise nach Karatsu oder meiner noch offenen Frage, ob ich einen Teil meines Gepäcks hier lassen und in einer Woche wieder abholen kann, gar nicht zu sprechen.
Da war der Hinweis von Ken, glaube ich, gar nicht so verkehrt. Hier scheint doch das japanische Südeuropa zu sein. Ich sollte mich morgen einfach aus dem Staub machen und den beiden Kleinen zwei Tüten da lassen.
Ihr könnt euch sicher vorstellen, daß ich, müde und genervt wie ich bin, eigentlich gar keine Lust hatte, heute etwas aufzuschreiben. Nun ist es wieder um eins und ich möchte ganz woanders sein…

Ach ja, ich habe auch noch Positives heute erlebt. Nach meiner letzten Unterrichtsstunde habe ich eine Art Urkunde oder Zertifikat von der Schule erhalten. Ich bin auch vorbereitet worden, daß ich eine kurze Rede bevorzugt auf Japanisch halten sollte.

Sie ist wieder da. Ich habe versucht, die Kakerlake mit einem Glas zu kriegen. Sie war aber zu fix. Warum graut einem eigentlich davor, so ein kleines, sehr überlebenswilliges Wesen zu fangen? Ein Schauer läuft mir über den Rücken.

Die Rede habe ich tatsächlich rausbekommen. Nun ja, fünf Sätze mit ein paar, in den letzten Tagen gelernten Phrasen. So in der Art: Viel gelernt, besser geworden und alle waren sehr nett zu mir.
Die beiden Lehrer haben mir auch noch was auf eine Postkarte geschrieben. Hab ich noch gar nicht gelesen.

Die Kleinen aus der japanischen Grundschule, ihr erinnert euch vielleicht, wollen mir auch Briefe schreiben. Und Fotos von mir, die die Lehrerinnen gemacht haben, sollen auch noch kommen. Die scheine ich ja ordentlich beeindruckt zu haben.

Gleiches gilt auch für die Kellnerin in dem Laden, wo ich heute ramen gegessen habe. Sie hat mir beim Bezahlen irgendwas von reifu erzählt. Ich hatte keine Ahnung, was sie wollte bis sie mir das Wort „Live“ auf die Rechnung geschrieben hatte. Wir hatten also beim ※☆∴-Konzert miteinander gesprochen. Ich hatte keine richtige Erinnerung an sie und auch keine Zeit, da der Unterricht gleich weitergehen sollte. So habe ich ihr nicht einmal was Freundliches sagen können vor lauter Perplexität. Andere wird es freuen, gell?

Da ist das Biest wieder und auch schon entkommen.

Ich habe auf dem Rückweg vom Einkaufsbummel, kurz vor der U-Bahn nach außerhalb, endlich einen heiß ersehnten Laden für Rugby-Sachen gefunden. Da die Auswahl nicht so prall war, ist es nur ein Nationaltrikot geworden.

Was die Japaner auch gut können, ist Arkaden-Bauen. Etwas in der Art erwähnte ich wohl schon früher, oder? Ich kann Entfernungen nicht gut schätzen und übertreibe vielleicht, was gar nicht meine Art ist. Es waren aber bestimmt mehr als ein Kilometer!

So, mein Reiseziel für den Rest der Woche und des Urlaubs steht fest: ich habe einen Ort namens Obama in einer hoffentlich reizlosen Gegend gefunden. Ich will endlich entspannen und habe genug von Sehenswürdigkeiten.
Da ich noch nicht weiß, wie das Land in und um Obama herum erschlossen ist, kann ich auch noch nicht mit Sicherheit sagen, wann ihr den verbleibenden Teil des Berichtes lesen werden könnt.

Seid auf der Hut, so geht’s euch gut. Mann, ich brauch Urlaub!

Tag 20:

Nein, ich bin heute noch nicht auf Reisen. Und das kam so:
Kurz vor neun werde ich wach. Ich habe von Erdbeben geträumt und bin in der gleichen Stimmung wie gestern Abend. Meine Sachen warten auf eine Sortierung und Verstauung. Ich schwitze mich zu Tode, komme aber gut voran. Dreiviertel zehn klopft’s an der Zimmertüre. Es Kategorie Aika, die mir sagt, daß es um zehn losgeht.

Na, huch! Was passiert denn jetzt? Geht’s nun doch nach Karatsu oder zum Zug?
Der geplante Ausflug fand nun doch statt. Ryuichi hatte scheinbar gute Laune und so ging es zusammen mit Aika los. Ryo und Kousei waren schon sonstwohin.

Die Festung Karatsu gibt es schon seit lanngem nicht mehr. Am Fleck steht ein in den 60ern nachgebautes Gebäude, das als Museum funktioniert. So ist es voll mit breiten Treppen und Vitrinen. Kein Flähr aus alter Zeit mehr übrig.

Auf dem Rückweg habe ich mir als Mittag sashimi ausgesucht. Und ich bin um einen Erfahrung reicher. Wenn die Japaner rohen Fisch sagen, dann meinen sie das ernst. So habe ich heute rohen rohen Fisch gegessen. So eine Art Tintenfisch, ein Kalmar.
Da wir warten mußten, habe ich die putzigen Viecher noch im Wasser schwimmen sehen. Kurz darauf hatten wir einen auf dem Tisch. Das Fräulein vom Restaurant brachte dann noch eine Küchenschere und ich erfuhr auch gleich, warum. Das Fleisch des Kalmar war in schmale Streifen geschnitten, damit man es mit den Stäbchen gut transportieren konnte. Mit dem Kopf stimmte aber etwas nicht. Die Augen wirkten noch echt und unter der Haut des Tintenfisches schien es noch zu pulsieren. Und tatsächlich, auch die Fangarme bewegten sich noch. Nun kam die Schere in Spiel. Die Arme wurden abgeschnitten, mit den Stäbchen ergriffen und nach dem Tunken in irgendeine Soße verspeist. Schon komisch, wenn sich die winzigen Saugnäpfe an der Zunge festhalten wollen. Nur ein kurzer Versuch.
Liebe Tierschützer, was sollte ich machen? Es war einfach zu schön angerichtet! Der andere Fisch hat mir auch noch mit den Flossen gewunken. Oder war das eine Einbildung?

Danach haben wir noch einen sehr schönen buddhistischen Tempel besucht und sind dann in brütender Hitze nach Hause. Noch im Auto wurde geklärt, daß ich doch erst morgen fahren sollte.
Da sind wir nun…

Mir ist abends noch was passiert. Ich habe Rugby im japanischen Sportfernsehen geschaut und ganz vergessen, daß ich noch zwei kleine Biere im Kühlschrank hatte. Was sagt man dazu?

Tag 21:

Ich habe bis um zehn geschlafen, da ja ausgemacht war, daß ich bis zum Mittag warten würde. Ryuichi ging bis mittags zum Brennball. Kein Problem dachte ich. Doch daß Kousei erst um vier wieder da sein würde, habe ich erst heute erfahren. Mann, diese Kommunikationsprobleme!
So habe ich mir die Zeit mit Brennball-Kucken und Spazierengehen vertrieben. Das mit dem Spaziergang kam als ich von der längeren Warterei erfuhr. Ryo war duschen und ich sagte Aika, daß ich losgehen würde. Sie hatte genau das gleiche Problem und ging mit. Sie kam dann auf die Idee, ein Eis essen zu gehen. Also nochmal zurück, da ich keine Schekel dabei hatte. Zusätzlich zum Eis habe ich mir noch was sehr Schönes gegönnt: einen Apfel für einhundert Yen.
Ich habe Aika natürlich zu dem Eis einladen wollen und habe ihr mehrmals versucht, deutlich zu machen, daß sie ihre zweihundert Yen einstecken sollte. Aber erst als ich beim Eisessen auf Japanisch gesagt habe, daß das Eis ein Geschenk sei, sah sie es ein. Muß man denn immer erst alles auf Japanisch sagen?!!
Ich wollte mir eigentlich endlich mal den Ort anschauen, in dem ich jetzt zwei Wochen übernachtet habe. Der kleinen Lady mit ihrem Sonnenschirm war aber zu heiß, so daß es nur eine sehr kleine Runde wurde.
Ryuichi kam dann pünktlich um eins und ging auch gleich wieder schlafen. Toll! Mutti war schon los, den Kleinen abzuholen, und Aika ist eingeschlafen.
Ryo kam gegen vier mit Kousei wieder. Ich habe dann doch noch meine Geschenke aus Deutscheland abgegeben und habe ein Abschiedsfoto gemacht. Gehört sich ja schließlich so. Auch Ryo und Ryuichi haben ihre T-Hemden in Größe M bekommen. Für die eine wahrscheinlich zu groß, für den anderen eben zu klein. Ich habe noch erklärt, daß überall Berlin draufsteht. Die Aufschrift „1. Mai Sport frei“ habeich nicht erläutert. Den Sven wird es freuen, daß eines seiner Hemden nun in Fukuoka herumschwirrt.
Ich habe nicht danach gefragt, ob ich einen Teil meiner Sachen vielleicht dort lassen oder mir einer eine Zugverbindung raussuchen könnte.
Ich habe alle meine Taschen umgeschnallt und bin los. Die Familie hat mich dann noch zum Bahnhof begleitet. Winkewinke und ab dafür.

Es bleiben gemischte Gefühle zum Thema „Leben bei einer japanischen Familie“. Die beiden Kinder waren wirklich Klasse. Von den Eltern hätte ich mir schon etwas mehr Unterstützung vor allem beim Japanisch lernen erwartet. Dafür war dann der Wohnortdoch arg weit draußen.

Nun sitze ich endlich um halb fünf im Zug nach Hakata. Das ist der Hauptbahnhof von Fukuoka. Noch weiß ich nicht, ob ich heute noch an meinem Ziel in Obama ankomme. Ich habe noch keine Ahnung, ob ein Zug und ein Bus dahin fährt, wohin ich will. Lassen wir uns also überraschen!

Keine Überraschung! So ein zentraler Bahnhof in der größten Stadt Kyuushuus hat auch englischsprachiges Personal. Und das rechnet nicht mit deutscher Sprintstärke. Er war der Meinung, daß ich den Zug um viertel sechs nicht mehr kriege. Zum Glück sind Anzeigen an Bahnhöfen irgendwie gleich und so habe ich im Laufen erspäht, daß der Viertel-Zug vom gleichen Bahnsteig aber vom Nachbar-Gleis abfährt. Ich sitz‘ also drin. Der nächste wäre erst fünf vor sechs gefahren und wer weiß, ob so spät noch ein Bus in Isahaya losfährt. Dreitausendsechshundertzehn Yen bis nach Isahaya. Ich muß mal prüfen, wie weit das ist. Und dann mit deutschen Preisen vergleichen.
Allerdings habe ich durch die Hatz versäumt, mir was zu essen und zu trinken zu besorgen. So’n Mist! Und ich habe das Bier im Kühlschrank schon wieder vergessen… Es kann nur noch besser werden.
Ich habe mich bei der älteren Dame neben mir in bestem Japanisch vergewissert, daß dieser Zug auch dort hält, wo ich hin will. Die Anzeige im Abteil ist auch auf Englisch. So sollte ichden Ausstieg nicht verpassen können.
Tschüß, Fukuoka!

Oh, meine Füße und Schuhe riechen doch etwas. Aber das sollte für die Klimaanlage kein Problem sein, oder? Nach fünfzehn Minuten geht es schon wieder.
Das Mädchen von der Dienstleistungsbrigade war gerade da. Nein, sie verkaufte nur Getränke, Essen und omiyage. Ich habe von den ersten beiden kalten Tee und einmal chipsu gewählt. Hat nur 260 Yen gekostet, ein oshibori gab’s dazu. Die können von der Mitropa noch einiges lernen! Der Innenraum des Wagons gleicht jedoch eher unserem ICE, amVordersitz steht eine Information darüber, wie der Zug aufgebaut ist.

Der Zug biegt nach Westen ab, der untergehenden Sonne hinterher. Ich bin also auf dem richtigen Gleis. Hinter Saga kommen Dörfer und Reisfelder und es geht weiter nach Süden.

Nun fragt ihr euch sicher, wo denn unser Held zu guter Letzt gelandet ist. Hat er sein Ziel erreicht? Hat er den Ausstieg verschlafen? Ist er gar das erste Mal baden gegangen? Hat er Freunde fürs Leben gefunden?
Wie so alles im Leben (hört, hört, hier spricht ein Weltenbummler!) ist es irgendetwas dazwischen.
Ich bin Dank zweisprachiger Anzeige inbder richtigen Stadt ausgestiegen. Nur, wie geht’s weiter. Wo ist denn hier der Bus, der mich weiter bringt?
Wie es sich für eine richtige Stadt gehört, befindet sich der Busbahnhof direkt gegenüber dem Eisenbahnhof. Und dort stand dann alles mit kanji geschrieben! Aber der Held nicht doofen schnappt sich sein Zauber-Tablett und sucht den Zielort auf der elektronischen Karte. Dort steht der Name zum Weiterkommen in kanji und in lateinischen Zeichen. Nun ging es zur Mustererkennung. Auch nicht übel, es ist die hellgrüne Linie. Und der Plan sagt, daß der letzte Bus für heute vor zirka fünf Minuten angefahren ist. Ja, das erlangte Wissen hilft leider nicht weiter. Fahr ich nun erstmal an einen anderen Ort und habe dann das gleiche Ergebnis oder bleibe ich hier?
Die anwesenden Schüler kucken schon merkwürdig. Was machen die eigentlich am Sonntag in Schuluniform? Der uns begegnete Vorort-Zug war auch schon voll mit Solchen.
Ah, da hinten macht die Dame vom Tabalstand ihren Laden dicht. Ich laß mein Gepäck stehen – das kann Mann hier in Japan getrost machen – und eile zu ihr. Es entspinnt sich auf meine Frage hin, ob ich denn heute noch nach Obama komme, ein Gespräch, bei dem ich meist nur hai und wakarimasu sage. Es fährt natürlich kein Bus mehr. Ich hab mir nicht anmerken lassen, daß ich das schon weiß. Dafür weiß ich jetzt mehr, z. B. daß mein Bus morgen wieder fährt, daß vom.Ausgang drei losfährt, daß nebenan ein preiswertes Hotel ist und, daß ich ja ganz gut Japanisch verstehe. Vom letzten ist nur die Hälfte wahr, der Rest hat gestimmt.
Kleiner Sprung. Ich sitze am Fluß und tippe meinen Bericht. Vorher habe ich noch nach der Post gesucht, die mich morgen mit weiterem Geld versorgen soll. Die beiden Herren von meinem Hotel haben mir den Weg zu einer nicht existenten Post gezeigt oder nicht mit dem fehlenden Verständnis deutscher Tuhris gerechnet. Der Portier von einem Hotel unterwegs hat mich dann in eine völlig andere Richtung, auf die andere Seite des Flusses geschickt. Und auch diese Post hätte ich nicht gefunden, wenn ich nicht noch einmal gefragt hätte. Die Familie hat ganz schön erschrocken dreingeschaut, als ich sie aus dem Halbdunkel angesprochen habe. Aber mein japanischer Versuch zahlte sich aus. Die Post hat morgen ab neune auf und kann auch meine Euro-Karte verstehen.
Zurück zum Fluß. Ich bin satt, da es auf dem Weg dorthin einen Hotto Motto und einen FamilyMart gab.

So, jetzt ist’s genug für heute. Ich gehe jetzt zurück zu meinem Hotel am Busbahnhof und denke an zu Hause.

Hier am Fluß gibt es ein offenes WLAN. Schnell rein und wieder raus.

Ein Nachschlag. Und was für einer!
Kurz nachdem ich mich aus dem Weltnetz ausgeklinkt hatte, sozusagen genau gegenüber, sehe ich einen unscheinbaren Eingang der Zugang zu einer Rock-Bar verheißt. Ich habe hin und her überlegt, ob ich nicht besser ins Hotel gehen sollte, und dann doch die richtige Entscheidung getroffen. Ich bin reingegangen.

Damit war ich der dritte Gast in der Bar, die nicht größer war als mein Wohnzimmer und meine Küche zusammen. Mit mir saßen noch ein Angestellter einer Versicherung und ein Damenfrisör am Tresen. Was für eine Mischung! Nachdem wir alle erst ein wenig verunsichert waren, haben wir uns auf einen Mischmasch aus Englisch und Japanisch geeinigt und Interessen und Musikgeschmack ausgetauscht.
Naja, vielleicht kann man auch sagen, daß ich sie ein bißchen beeindruckt habe. Angefangen hat es mit einer Kompaktscheibe von Freunden vom Besitzer, die mit einem Rugbyball abgebildet waren. Was für eine Einladung zum Gespräch. Es ging natürlich mit meiner Herkunft, meinem Alter, ob ich verheiratet wäre, meinem Musikgeschmack und meiner Ansicht zum Thema Fußball weiter. Und auch, warum ich denn hier sei. Ein kurzer Abriß der Geschichte von heute, die ihr schon kennt plus der Art und Weise, wie ich denn auf Obama als Reiseziel gekommen wäre, hat einige Male ein tsugoi hervorgerufen. Beide, der Frisör und der Versicherungsmensch sind übrigens Mitte dreißig und geschieden. Der Barmannst ebenfalls funfunddreißg aber noch ledig. Musiker eben!
Um’s kurz zu machen – schließlich ist es schon wieder nach eins und im Hotelfernsehen ist Fußball mit japanischem Kommentar das Interessanteste – ich werde am kommenden Freitag wieder hier sein und die mir als Präsent überreichte Flasche shucho mit meiner Flasche aus Berlin ergänzen und die letzte Nacht in Japan standesgemäß feiern. Auch meine Kombo wird in Form der mitgebrachten KS mit von der Partie sein.

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Was für ein schöner Ausklang! Ich konnte nicht einmal meine vier Bier komplett bezahlen. Das ganze übrige Geld war für das Hotel und das Abendbrot draufgegangen. Freitag wird DER Tag der letzten Woche!

Tag 22:

Nun sitze ich im Busbahnhof und habe noch vierzig Minuten Zeit, den Reisenden im Rentenalter beim Schnacken zuzuhören, ohne auch nur ein Wort zu verstehen.
Ich bin auch wieder flüssig. Deshalb habe ich mir nach der Einholung einer Auskunft auch gleich eine Karte für 980 Yen am Automaten gekauft, da ich mir gedacht habe, daß das mit dem Bus hier genauso läuft wie bei der U-Bahn.
Auf einmal springt die Rentnermeute auf. Am einfahrenden Bus steht auch auf Japanisch Obama dran. Nur kommt der ja wohl zur falschen Zeit. Eine kurze Nachfrage beschert mir die Bestätigung meiner Annahme und einen hilfsbereiten jungen Mann, der mir auch noch die Tür aufhält.
Der Bus ist aber scheinbar ein ganz normaler Linienbus. Mal sehen, ob meine bereits gelöste Karte hier gültig ist.
Jede(r) der Mitreisenden ist doppelt so alt wie ich. Obama scheint wohl das Rentner-Paradies zu sein. Nun, der Altersdurchschnitt hat sich dann etwas gesenkt.
Ich habe den Verlauf der Fahrt fein auf meinem Zaubertablett verfolgt. Trotzdem wollte ich eine Station zu früh aussteigen. Der Fahrer hat mich gebremst und auch die von mir gekaufte Karte akzeptiert. Ich also rein in die Bus-Abfertigungshalle, ran an den Schalter undder Frau den Zettel mit der Adresse des ryokan unter die Nase gehalten. Sie hat genauso prompt reagiert, indem sie meinte, ich müßte mit dem Bus noch weiter fahren. Eine andere kam herausgeschossen, hielt den Bus an und sagte dem Fahrer gleich Bescheid, wo ich aussteigen wollte. Ichbin mit meinem Gepäck also wieder rein in den Bus und zwei Stationen weiter gefahren. Der Busfahrer hat mir dann noch die Richtung gewiesen und da stand ich nun in der prallen Sonne in Obama.
Nach einer kurzen Verschnaufpause bin ich dann losgedackelt, habe aber bald eingesehen, daß es ohne eine weitere Auskunft nicht weitergeht. Nun pflegt der Japaner verständlicherweise bei dieser Hitze im Haus zu bleiben. Also erstmal in die nächste Straße rein. Keine Menschenseele, also weiter. Da kommt dann urplötzlich ein Mensch aus dem hinteren Teil eines Gebäudes heraus. Zum Rauchen wahrscheinlich. Ich auf ihn (ohne Gebrüll) und ihm meinen Zettel gezeigt. Und was macht der? Der zeigt einfach auf die Tür, aus der er gekommen ist. Bin ich ein Glückskind!
Die Formalitäten waren schnell erledigt. Der Herr an der Rezeption hat mit seinem Englisch angegeben und ich kam zu kurz. Das Zimmer ist sehr schön, im japanischen Stil eingerichtet und zirka 14 tatami groß. Heißes Wasser für den Tee und eine Weltnetz-Station im allgemeinen Aufenthaltsraum sind inbegriffen.
Die Klimaanlage hat die Größe eines auf die Seite gelegten Billy-Regals, tut aber sonst, wofür sie da ist.
Ich habe mich erstmal hingesetzt, um diese Zeilen in meinem yukata zu schreiben. Westler-Kleidung ist bei dieser Wärme dermaßen unsinnig. Ein offenes WLAN habe ich auch gefunden. Die Japaner sind ja so lieb zu euch. Das gehört aber nicht zum ryokan dazu, da der Meister auf meine Frage nur auf das Kabel gezeigt und dabei mit dem Kopf geschüttelt hat.
Mal sehen, was ich heute noch anstelle und was mit dabei so passiert.

Ich hatte mir ja Langeweile versprochen für die letzte Woche Japan. Genauso bin ich den Tag in Obama angegangen. Erst war ich faul uff Zimmer und habe sumoo geschaut und als ich dann losgehen wollte, um mir den Ort ein bißchen anzuschauen, stand der Meister vor mir und wollte Auskunft über die Zeit meiner Rückkehr. Das hatte auch einen trifftigen Grund. Er wollte wissen, wann das Abendessen fertig sein sollte.
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Ein Abendessen gehört hier genauso dazu wie das Waschbecken im genkan, die Toilette und die Waschgelegenheiten auf dem Flur und das hauseigene onsen. Und da gehe ich nachher hin. Ich habe gefragt, ob es in Ordnung sei. Schließlich müssen sie mein irezumi ja gesehen haben. Vielleicht sind so spät ja keine Rentner mehr unterwegs, die hier Kleinbus-weise angefahren kommen. Zur Absicherung habe ich mir noch ein kleines Handtuch geleistet, mit dem ich mich bedecken kann.

Obama hat seine besten Zeiten schon hinter sich. Vielleicht liegt es aber auch an den überall austretenden mineralischenmineralischen Dämpfen, daß alles etwas verlebt aussieht. Ich bin natürlich meiner morbiden Ader folgend, an den Rückseiten der Wohlfühl-Hotels entlang gelaufen. Während meiner Tuhr bin ich auch um einen Tempel herumgeschlichen und habe dabei eine Gruppe Schüler beim Herumlungern oder Abseits-der-offiziellen-Augen-schwatzen überrascht. Ich habe fein gegrüßt (wie auch alle anderen Leute, die mir begegnet sind) und alle haben vorbildlich zurückgenickt. Das ist mein Japan!

Für mein Abendbrot habe ich eine ganze halbe Stunde gebraucht. Haben die aufgetafelt. Mein lieber Scholli! Und dann kam noch Eine aus der Küche an und hat den feinen Herrn gefragt, ob das Bereitgestellte denn seinen Wünschen entspräche, und was ihm denn sonst so schmecken würde, da er ja vier Abende hier wäre. Das ist mein Japan! Außerdem halte ich so auch mein Kampfgewicht.
Genau in Blickrichtung stand ein Fernseher, der den amerikanischen Präsidenten und danach auch noch den nicht existierenden Spocht zeigte. Die verstehen es, Freude zu verbreiten.
So, jetzt den yukata an und ab ins Badevergnügen. Bis morgen.

Tag 23:

Gestern war ich ja noch baden. Ohne Anleitung. Deshalb habe ich sicher nicht die korrekte Reihenfolge der einzelnen Becken eingehalten, wenn es denn eine gibt. Ich habe versucht, meine farbigen Stellen zu verdecken, es hat aber von den drei noch anwesenden Rentnern scheinbar niemanden interessiert.
Erfrischend war es allemal. Mal sehen, ob ich mich heute die kleine Treppe hochtraue. Ich habe nämlich die Sauna noch nicht gefunden. Vielleicht gibt’s auch gar keine die heißen Becken haben schon ne ordentliche Temperatur.
Zur Reihenfolge am Frühstückstisch gibt es dann doch was zu sagen. Ich bin vom Meister höflich darauf hingewiesen worden, daß die Tunke, in die ich mein Krebsfleischersatz gelegt habe doch für die nach Pudding aussehende Speise wäre. Für den Fisch gibt’s schließlich Sojasoße aus dem kleinen Kännchen auf dem Tisch, der übrigens höchstens zwanzig Zentimeter hoch ist.
Vorher bin ich – noch beim Aufwachen – freundlich per Telefon darauf hingewiesen worden, daß das Frühstück fertig sei. Um dreiviertel acht! Das ist aber nicht mein Japan! Klar hatte ich mir den Wecker gestellt, da das Frühstück nur von halb acht bis halb neun serviert wird. Zeiten für Menschen mit seniler Bettflucht.
Ähnliches gab’s gestern schon. Da pochte es pünktlich um achtzehn Uhr an der Tür, um den feinen Herrn abzuholen. Na gut, sind ja nur vier Tage.
Früh am Morgen gab es dann noch ein erwähnenswertes Schmankerl: Um acht gingen draußen die Lautsprecher los und intonierten das Heidenrößlein. Was für ein Schock!
Zum Frühstück bin ich vom Meister persönlich mit einem sauberen „Guten Morgen“ begrüßt worden. Der zieht aber auch alle Register. Danach wurde ich noch am Nachbartisch bekannt gemacht. Inklusive Fragen nach dem Ort meiner Japanisch-Studien und meiner beruflichen Tätigkeit. Als aber zusätzliche Fragen von den älteren Damen kamen, mußte ich leider passen.
Eine knifflige Aufgabe gab es am Frühstückstisch noch. Da stand ein Ei, kalt. Ich hatte keine Ahnung, ob es hart gekocht ist oder man es frohen Mutes roh über den Reis gießt und dann aufschlürft. Aber auch hier kam Hilfe in Form des Meisters. Er brachte eine Art Mini-Herd an. Bei uns heißt so etwas, glaube ich, „Stövchen“. Er zündete so was wie ein Teelicht an und schlug das noch rohe Ei auf und gab es auf ein Stück Papier, das auf dem Öfchen lag, und legte einen Deckel drauf.
Ihr erkennt es sicherlich an dem Durcheinander meiner Ausführungen, daß es einfach noch zu früh ist für Konversationen dieser Komplexität. Und dann dieser ständige J-Pop aus den Lautsprechern innerhalb des Hotels…
Ich sitze grad in der „Lobby“ und schreibe, da in meinem Zimmer der Futon wieder eingerollt und verstaut wird. Auf Japanisch hört sich dieser Ort wie die Koseform von Robert an. Er liegt auch nicht im Erdgeschoß sondern fungiert als allgemeiner Aufenthaltsraum eine Etage drüber.

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Ich hatte sicher noch nicht erwähnt, daß keine Schuhe die ganze Zeit über in einem nicht abschließbaren Dach gegenüber der Rezeption stehen und ich die ganze Zeit barfuß im ryokan rumrenne. Deshalb sind die Klo-Pantoffel dann auch wichtig. Es gibt genau drei Paar für die Herren, da es auch nicht mehr Möglichkeiten zum Erleichtern gibt. Nur nicht vergessen, die guten Dinger an der Tür wieder auszuziehen!
Heute will ich das erste Mal an den Strand. Dazu muß ich mit dem Bus noch etwas weiter bis an die Südspitze meiner Halbinsel fahren. Das wird mein erstes Mal mit Kopf-unter-Wasser im Ostchinesischen Meer. Und das bei wiederholt herrlichem Wetter. Strahlend blau und dreiunddreißig Grad über Null. Toll!

Tag 23:

Gestern war ich ja noch baden. Ohne Anleitung. Deshalb habe ich sicher nicht die korrekte Reihenfolge der einzelnen Becken eingehalten, wenn es denn eine gibt. Ich habe versucht, meine farbigen Stellen zu verdecken, es hat aber von den drei noch anwesenden Rentnern scheinbar niemanden interessiert.
Erfrischend war es allemal. Mal sehen, ob ich mich heute die kleine Treppe hochtraue. Ich habe nämlich die Sauna noch nicht gefunden. Vielleicht gibt’s auch gar keine, die heißen Becken haben schon ne ordentliche Temperatur.
Zur Reihenfolge am Frühstückstisch gibt es dann doch was zu sagen. Ich bin vom Meister höflich darauf hingewiesen worden, daß die Tunke, in die ich mein Krebsfleischersatz gelegt habe doch für die nach Pudding aussehende Speise wäre. Für den Fisch gibt’s schließlich Sojasoße aus dem kleinen Kännchen auf dem Tisch, der übrigens höchstens zwanzig Zentimeter hoch ist.
Vorher bin ich – noch beim Aufwachen – freundlich per Telefon darauf hingewiesen worden, daß das Frühstück fertig sei. Um dreiviertel acht! Das ist aber nicht mein Japan! Klar hatte ich mir den Wecker gestellt, da das Frühstück nur von halb acht bis halb neun serviert wird. Zeiten für Menschen mit seniler Bettflucht.
Ähnliches gab’s gestern schon. Da pochte es pünktlich um achtzehn Uhr an der Tür, um den feinen Herrn abzuholen. Na gut, sind ja nur vier Tage.
Früh am Morgen gab es dann noch ein erwähnenswertes Schmankerl: Um acht gingen draußen die Lautsprecher los und intonierten das Heidenrößlein. Was für ein Schock!
Zum Frühstück bin ich vom Meister persönlich mit einem sauberen „Guten Morgen“ begrüßt worden. Der zieht aber auch alle Register. Danach wurde ich noch am Nachbartisch bekannt gemacht. Inklusive Fragen nach dem Ort meiner Japanisch-Studien und meiner beruflichen Tätigkeit. Als aber zusätzliche Fragen von den älteren Damen kamen, mußte ich leider passen.
Eine knifflige Aufgabe gab es am Frühstückstisch noch. Da stand ein Ei, kalt. Ich hatte keine Ahnung, ob es hart gekocht ist oder man es frohen Mutes roh über den Reis gießt und dann aufschlürft. Aber auch hier kam Hilfe in Form des Meisters. Er brachte eine Art Mini-Herd an. Bei uns heißt so etwas, glaube ich, „Stövchen“. Er zündete so was wie ein Teelicht an und schlug das noch rohe Ei auf und gab es auf ein Stück Papier, das auf dem Öfchen lag, und legte einen Deckel drauf.
Ihr erkennt es sicherlich an dem Durcheinander meiner Ausführungen, daß es einfach noch zu früh ist für Konversationen dieser Komplexität. Und dann dieser ständige J-Pop aus den Lautsprechern innerhalb des Hotels…
Ich sitze grad in der „Lobby“ und schreibe, da in meinem Zimmer der Futon wieder eingerollt und verstaut wird. Auf Japanisch hört sich dieser Ort wie die Koseform von Robert an. Er liegt auch nicht im Erdgeschoß sondern fungiert als allgemeiner Aufenthaltsraum eine Etage drüber.

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Ich hatte sicher noch nicht erwähnt, daß keine Schuhe die ganze Zeit über in einem nicht abschließbaren Dach gegenüber der Rezeption stehen und ich die ganze Zeit barfuß im ryokan rumrenne. Deshalb sind die Klo-Pantoffel dann auch wichtig. Es gibt genau drei Paar für die Herren, da es auch nicht mehr Möglichkeiten zum Erleichtern gibt. Nur nicht vergessen, die guten Dinger an der Tür wieder auszuziehen!
Heute will ich das erste Mal an den Strand. Dazu muß ich mit dem Bus noch etwas weiter bis an die Südspitze meiner Halbinsel fahren. Das wird mein erstes Mal mit Kopf-unter-Wasser im Ostchinesischen Meer. Und das bei wiederholt herrlichem Wetter. Strahlend blau und dreiunddreißig Grad über Null. Toll!

Um zwölf habe ich dann wieder mit dem Sport angefangen. Ausdauer stand im Nachhinein auf dem Programm. Und das bei einem Wetter, für das Klärchen eine Einsplus verdient hat.
Ich bin ohne Vorbereitung auf den Busfahrplan raus aus dem ryokan und hin zur Haltestelle, was hier noriba heißt. Geht doch, dachte ich mir, als der Bus, der um diese Uhrzeit einmal in der Stunde fährt, nach zehn Minuten in Sicht kam. Ich habe die Fahrt wieder per Elektro-Karte verfolgt, damit ich nicht zu früh aufspringe. Hat alles gut geklappt. Nur am Zielort zu erfahren, solange es zum Strand ginge, schien unmöglich. Der Erste konnte keine Karte lesen und die Nächsten kannten sich scheinbar nicht aus, obwohl sie in Arbeitssachen am Hafen herumsaßen.
Ich habe mir dann einfach die gesamte Halbinsel an der Südspitze der Halbinsel vorgenommen. Dort hatte ich auf der Karte von der Rezeption einen eingezeichneten Strand gesehen.
Ich war nicht die einzige Seele am Strand, jedoch die einzige menschliche. Der Strand war ungefähr vierhundert Meter lang und nur an einer Seite beobachteten Reicher und Adler das Treiben kleiner Fische im Flachwasser.
Ich habe endlich mal mein Riesen-Objektiv aufgeschraubt und hab einige Tieraufnahmen versucht. Adler beim Fischen zum Beispiel.
Dann ging’s endlich ins Wasser. Es war sehr klar und ausreichend warm, so daß ich keine Minute brauchte, um einzutauchen. Ich brauche sonst Stunden! Statt Schwimmen ist bei mir eher Planschen angesagt. So bin ich gar nicht weit rausgeschwommen und war bald wieder draußen, um mich von der Sonne trocknen zu lassen.
Dann kamen für zehn Minuten zwei Angler, die aber ohne Erfolg wieder abgezogen sind. Ich habe noch ein bißchen den riesigen Schwarm fingerlanger Fische beobachtet, der von fast durchsichtigen Fischen ständig auseinander getrieben wurde. Da ich lange genug im Wasser stand haben die kleinen Dinger mich gar nicht mehr als Bedrohung wahr genommen und sind beim Ausweichen auch gegen meine Beine gerammt. Das macht mir aber gar nichts aus, weil ich…
Nochmal planschen und dann bin ich aufgebrochen, die Halbinsel zu erkunden. Zuerst wollte ich barfuß laufen, da ich noch Sand an den Füßen hatte. Das ging aber wirklich nicht. Der Asphalt war so heiß, daß ich es nicht ausgehalten habe. Noch’n Getränk aus einem Automaten besorgt und los ging’s. Erstmal ein bißchen die Straße bergauf, an ein paar Häusern vorbei und dann kam inmitten von Reisfeldern, die abgeerntet wurden ein Hinweisschild mit lateinischen Buchstaben, das auf einen „Seaside Park“ zeigte. Gefunden habe ich einen mit Beton befestigten Weg am Meer lang und einen ausgedienten Leuchtturm. Da stand was auf dem Schild, aber ich kann keine kanji lesen. Also bin ich die angerostete Gitterstiege entlang bis zum südlichsten Punkt der Halbinsel. Weiter, immer am Meer lang. Endlos lang. Die Sonne immer im Rücken. Irgendwann kam ein kleiner Hafen, bei dem ich dann wieder auf die Hauptstraße gekommen bin, die mich zurück zum Ausgangspunkt bringen sollte. Zumindest habe ich das gedacht.
Gedacht habe ich auch, daß sich so der arme Zweiblum gefühlt haben muß als einziger Tuhri auf dem ganzen Planeten. Außer mir gab es nur Bauern und Angler!
Als nächstes kam ich an den Ausgangspunkt meines Ausflugs zum Park am Meer. Eigentlich hatte ich schon keine Lust mehr weiterzuwandern. Meine Fußsohlen fühlten sich schon an, als würde ich in den nächsten zehn Minuten die ersten Blasen kriegen.
Stur wie ich bin, wollte ich natürlich nicht den gleichen Weg zurückgehen, den ich gekommen. Und Sturheit wird belohnt. Der Rückweg zog sich hin. Nach jeder Kurve, hinter jedem Haus glaubte ich, den Hafen schon riechen zu können. Was würde im ryokan passieren, wenn ich nicht um Punkt achtzehn Uhr Abendbrot-bereit wäre?
Kurz, ich war inklusive Baden fünf Stunden in dieser Hitze unterwegs. Blieb noch das Problem der Rückfahrt. Wann würde der nächste Bus fahren?
Nach der Ankunft im Hafen hatte ich mal wieder mehr Glück als Verstand. Der Bus würde in vier Minuten abfahren. Ich habe mich nicht einmal getraut, mir noch was zu Trinken zu holen.
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Die Bushaltestelle ist direkt vor dem ryokan. Somit wäre der Weg bis zum Tisch entsprechend kurz. Am Hotel hat eine der Angestellten bereits vor der Tür geschaut, ob ich denn mit diesem Bus kommen würde. Sie war auch sofort wieder verschwunden, nachdem sie mich entdeckt hatte. Wahrscheinlich, um den Rest der Belegschaft in Aufruhr zu versetzen. Eigentlich hätte ich mich lieber in das onsen verkrümelt. Auf Essen hatte ich nun so gar keinen Bock. Na, was soll’s.

Von der Menge her war es wieder so viel wie gestern. Es war kaum zu schaffen. Ich habe wieder ocha bestellt, weil ich ja so gesund bin. Am Nebentisch hat sich aber der Gast ein eiskaltes Bier bestellt und bei mir kam der Neid. Ich konnte nicht wiederstehen…

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Die Nachrichten haben gezeigt, daß der eigentlich für das vergangene Wochenende versprochene Taifun dank des stabilen Hochdrucks über Kyuushuu außen vor bleibt.
Außerdem scheinen wohl neun Kinder von Nordkorea aus in einem Boot in das 750 Kilometer entfernte Japan aufgebrochen. Die Bilder zeigen jedoch nur drei Gestalten, die aus dem Boot geholt wurden. Was mit den restlichen passiert ist, verstehe ich nicht.
Es gibt wohl auch einen neuen Premierminister oder sowas, der eine Kampfrede gehalten hat. Inklusive der Zwischenrufe aus den hinteren Reihen.

Ich war dann natürlich noch im onsen. Und ich bin auch die ominöse Treppe hochgegangen. Sie führt zu einer Terrasse mit Warmwasserbecken unter freiem Himmel. Dort kann Mann sich dann die Sterne ankucken. Ich glaube, daß ich einen bestimmten Stern gesehen, der einer ganz bestimmten Person versprochen wurde…

Achtung, Wissenswertes!
Bei Japanern fällt schütteres Haar schneller auf als in anderen Landern, da sie sich oft verbeugen, Nachrichtensprecher sind bspw. besonders anfällig. Das erklärt auch die häufige Werbung zum Thema.

Heute war ich aber auch geschwätzig! Dabei ist soviel gar nicht passiert.
ich hab‘ das Ganze auch wieder mit ein paar Bildern gestreckt, die ich mit dem zauberhaften Tablett gemacht habe.

Tag 24:

Guten Morgen! Es ist neun Uhr japanischer Zeit. Frühstück ist schon vorbei und ich habe einen Plan. Heute bin ich wieder Tuhri und schaue mir die höchste Erhebung dieser Halbinsel an, den Vulkanberg Unzen.
Das Vorbereitungsgespräch mit der Dame vom Empfang stellte sich heute ein wenig schwieriger dar, da ich erst zum hiesigen Busbahnhof zurück muß und dort die Abfahrtzeit für den eigentlichen Bus erfragen soll. Gleichzeitig wurde ich noch darauf aufmerksam gemacht, doch bitte meine ersten beiden Tage zu bezahlen. Der Meister hatte mich bei meiner Ankunft bereits vorbereitet, daß täglich beglichen werden soll. Somit werden die ersten vierzehntausend Yen fällig. Was für eine Summe! In absoluten Zahlen natürlich. (War das richtig, Mathe-Bruder?)
Ich muß nun schon um 09:42 Uhr mit dem Bus los. Also nichts mit Langsam-Aufwachen. Ich werde versuchen, Ansichtskarten zu schreiben, die dann doch wie gewohnt nach meiner Rückkehr bei euch ankommen werden. Zumindest werden sie einen Poststempel von Obama haben! Wenn das nichts ist. Wer unbedingt sicher gehen will, daß er oder sie Post von hier bekommt, sollte mir schleunigst die Anschrift zukommen lassen!
Bis heute Abend.

Die Ansichtskarten habe ich – wie nicht anders zu erwarten – im ryokan gelassen. Sicher ist sicher. Dafür habe ich zwei neue gekauft.
Am Busbahnhof habe ich mit meiner Gestensprache herausbekommen, wann der Bus abfährt. Allerdings war ich mir bis zur Ankunft im Zielort nicht sicher, wo ich am besten aussteigen sollte. Ich bin einfach mit allen Rentnern gemeinsam raus. Gut so. Ich stand nämlich vor der Tuhri-Information. Dort habe ich eine Karte und den Weg erklärt gekriegt. Auf zur Seilbahn! Die darf in keinem Urlaub fehlen.
Nur haben die Japaner die untere Station so hingebaut, daß man erst einmal 430 Meter laufen muß. Vertikal! Den Japanern macht das nichts aus. Die fahren mit dem Reisebus in Gruppen mit Gleichaltrigen oder per Individual-Fahrzeug. Ich armer Tropf mußte zu Fuß ran.
Insgesamt habe ich heute 2.666 Höhenmeter hinter mich gebracht! Davon 1.340 mit dem Bus, 466 mit der Seilbahn und den Rest zu Fuß. Dazu kommt noch ein kleines Stück von ungefähr 50 Metern von der oberen Station der Seilbahn zu einem Aussichtspunkt mit Vulkanblick. Dieser Punkt ist gleichsam der Rand der Caldera.
Die Zahlenangaben müßt ihr natürlich noch halbieren, da sie immer den Hin- und den Rückweg beinhalten.
Zur Auswahl stand auch noch ein zirka zweieinhalbstündiger Rundgang, auf dem man näher an den höchsten der Kegel herankommt. Was auf der Karte wie ein niedlicher Schlängelweg mit Zeitangaben aussieht, hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Ich hätte glatt noch ein paar hundert Höhengrade draufgelegt. Und ihr könnt mir glauben, daß ich mich mal wieder für meine eigene Wahl des Zieles und des Weges bedankt habe. Ich war wieder Herr Zweiblum auf dem Pfad zur Seilbahn. Außer mir waren da nur die lärmenden, etwa fingerlangen Insekten, ab und zu mal ein Rabe und jede Menge Spinnennetze. Wäre ich bei der Zerstörung von Netzen im Weltnetz unterwegs gewesen, hätte ganz Ostasien flach gelegen.
Es war ab der Hälfte ein sehr schöner Wanderpfad aus mit Beton festgehaltenen heranwachsenden Felsen, vorbei am wohl ersten Golfplatz Japans (bei 750 Meter) und einigen Mini-Buddhas. Bei jedem Schritt aufwärts hoffte, daß ich bereits mehr als fünfzig Prozent hinter mir hatte und ein Umkehren sinnlos wäre. Da hatte ich mir aber auch noch keine Gedanken über den Rückweg gemacht. Ich hoffte auf einen Linienbus.
Ganz unscheinbar bin ich dann aufdem Riesen-Parkplatz vor der Seilbahn herausgekommen. Ich war pitschenaß. Zum Glück war es bewölkt. Unbemerkt blieb ich nicht. Kaum war ich aufgetaucht, wurde ich mit einem zaghaften „Hallo“ von Schülern auf Reisen begrüßt. Ich grüßte zurück: Tach! Zu mehr reichte es nicht. Ich hätte sicherlich noch bei den freundlichen Menschen bleiben können, mir war aber eher nach Abschluß der Strapazen. Also weiter zur Station! Dort habe ichmir erst einmal ein trockenes Hemd angezogen. Fast ohne Zeugen. Ein Typ mit Frau und Mini-Hund waren noch da.
Ein stolzer Preis wurde aufgerufen: 1.220 Yen. Egal, hoch da mit mir. Das Wetter war immer noch blöd zum Fotografieren, aber gut zum Verschnaufen. Mann bin ich aus der Übung! Heute ging’s beim Tuhri-Sport also eher um Kraft als um Ausdauer. Hatte ich aber auch nicht mehr, wie man sieht. Ein Schokoeis aus dem Automaten brachte dann wieder etwas Energie.
Oben am Kraterrand war ich meistens allein und habe meine beiden Objektive hastig gegeneinander ausgespielt. Das Wetter wurde dann auch besser. Plötzlich konnte man zu beiden Seiten das Meer sehen. Ich habe auch meine Halbinsel der Halbinsel gesehen. Auch der Zipfel vom Gipfel (Das Bier vom Abendbrot wirkt immer noch!) wurde sichtbar.
Nach einer halben Stunden bin ich dann wieder runtergefahren. Der Typ von der Seilbahn hatte einen Gürtel an, der in China aus echt italienischem Leder hergestellt worden war. Das konnte man lesen, da er ihn falsch herum eingezogen hatte.
Tja, unten gab es natürlich keine Haltestelle. Dafür war das Wetter wieder herrlich und ein Rentnerbus geplatzt. Ich habe mir den wackeligsten ausgesucht und ihn gebeten, ein Foto mit mir und dem Vulkanzipfel zu machen. Er hat wirklich etwas geschwankt, als ich ihm die Kamera übergeben hatte. Die anderen Herren waren anscheinend neidisch und wollte wenigstens ihre Hühner aus dem Panoramablick verscheuchen. Ein souveränes „daijoubu, daijoubu“ meinerseits entspannte die Lage wieder.
Frohen Mutes war der Sportsgeist in mir wieder erwacht. Ging auch nicht anders. Ich mußte den ganzen, 430 Meter hohen Weg wieder zurück. Runterwärts ging es aber viel einfacher. Ich habe sogar ein paar Male gestoppt und Bilder aufgenommen. Nichts dramatisches, aber immerhin.

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Hinein in den stinkenden Urlaubsort. Oh, ich hatte, glaube ich, noch gar nicht eure Geruchssensoren angesprochen. Wie ein hart gekochtes Ei nach zwei Tagen riecht, wißt ihr, gell? Nun stellt euch das Ganze etwas größer vor und ihr habt eine Vorstellung von der Luft am Platze. Oben war das viel besser. Der Geruch hat – ihr ahnt es bereits – seine Ursache in dem ach so gesunden Mineralwasser, das hier Alleneeselang aus dem Fußboden springt. Ja, richtige Dampfschlote haben die hier. Das Wasser aus der einen Quelle soll getrunken angeblich gegen Probleme mit Eifersucht helfen. Das ist doch wiedermal ein dufter Einfall, mein Japan eben!

Kaum war ich aus der Wildnis zurück und auf die Hauptstraße gestoßen, ging die Suche nach einer Haltestelle für den Bus zum pünktlichen Abendbrot los. Und vorher wollte ich mal mit leerem Magen das onsen probieren. Just in diesem Augenblick kam ein Bus um die Ecke. Schei … Und ich an keiner Anlegestelle für Busse. Ich hab‘ dem Busfahrer zugewunken, ihn gefragt, ob er nach Obama fährt, und bin eingestiegen. Ich weiß, in der Aufzählung fehlt ein gestoppter Bus. Das hat aber nicht reingepaßt.
Gleichzeitig ist eine – na, richtig – Rentnerin ausgestiegen. Aber da stand gar kein Haltestellen-Schild!
Meine Fußsohlen glühen. Freu ich mich auf das Bad!

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Zeitlich hat diesmal alles geklappt. Ich habe mich auch noch rasiert. Ich will ja kein Mitleid ernten sondern Freude, wenn ich am Sonntag zu den … Wieviel Grad sind’s bei euch? Morgen werden es hier wieder unangenehmste 34 Grad Celsius! Ich freue mich trotzdem drauf. Mal sehen, ob ich meinen Sonnenbrand noch hinbekomme.

Morgen gibt es erst Karten schreiben. Danach zur Post gehen. Und dann noch einmal baden. Damit ist der Tag ganz schön vollgepackt!

Gute Nacht! Ich höre noch „Mama Leone“ und „The Final Countdown“ von Laibach. Als Einstimmung für meine Rückkehr nach Europa.

Tag 25:

Langsam beschleicht mich das Gefühl, daß die Rentner nurso früh aufstehen, damit sie zwischen halb und dreiviertel neun von mir ein „Ohayou gozaimasu!“ entgegen geschmettert bekommen. Sie sitzen in einem Spalier zwischen shokudou und Treppe ins nikkai und versperren wie heute wieder den Aufgang zur ersten, damit ich die an der Rezeption nehmen muß. Klar, sollen doch alle begrüßt werden. Versteh‘ ich schon!

Heute werde ich die Postkarten schreiben und auch aufgeben. Zu diesem Zweck bin ich wieder an der Rezeption vorstellig geworden. Das ging heute auch ganz fix. Hätte ich auf der Karte vielleicht sogar selbst finden können.

Ich könnt‘ mich nochmal auf’s Ohr hauen. Geht aber nicht, da gleich das Säuberungskommando anklopfen wird. Ich werde die Zeit zum Schreiben der lästigen Ansichtskarten nutzen. Wo hatte ich die doch gleich hingelegt?

Es ist kurz vor halb acht abends. Ihr seid wahrscheinlich gerade auf dem Weg zum Essen. Ich war nach dem Abendbrot noch kurz für zwanzig Minuten draußen. Es gab noch den Rest des apfelsinenfarbenen Sonnenuntergangs zu sehen. Der Wind hat merklich zugenommen. Die Palmen biegen sich ganz ordentlich. Schön, wenn auch noch lange nicht erfrischend. Es ist immer noch sehr warm.
Ich habe ein bißchen Abschied genommen. Morgen fahre ich nach Isahaya zurück, um einen anständigen Abschluß zu feiern. Mal sehen, ob die kleine Bar voll wird.

Der Wind und die Wolken, die ich am Strand genießen durfte, sind Ausläufer des Taifuns Nummer 15. Die für letztes Wochenende angekündigte und von mir erwähnte und vermißte Nummer 14 muß wohl unbemerkt vorbeigezogen sein. Der aktuelle Taifun steuert auf Okinawa zu und läßt hier nun die Bäume wackeln.

Ich bin heute komplett ohne Fotoausrüstung unterwegs gewesen. Es war nach dem Ansichtskarten-Streß Ruhe am Strand plus Naßmachen geplant. Ich durfte eine geschlagene Stunden in Obama auf den Bus warten, habe dann aber dafür einen herrlichen Strand für mich alleine gehabt. Vorher habe ich mich noch mit Wasabi-Kram und zwei Büchsen Bier ausgestattet. Die aufkommende Frage nach den vielen Löchern km Sand habe ich mir in aller Pionier-Manier selbst beantwortet. Dorthin ziehen sich die kleinen Krabben zurück, wenn ich oder der Adler vorbeikommen. Ich habe mich still mit meinem Bier zwischen die Löcher gestellt und wollte warten, bis die drolligen Racker sich erschrecken lassen. Das hat aber die japanische Variante einer Bremse verhindert. Ich habe mich bewegt und eifrig nachdem Viech geschlagen. Die Krabben haben sich nicht wieder gezeigt und ich bin abgezogen.
So eine Zeit komplett ohne Uhr macht das Abpassen des stündlichen Busses schwierig. Ich bin als das zweite Bier halb leer war und die Wolken überhand nahmen wieder zurück zur Haltestelle gewandert. Zwei Knirpse haben mit einem handtuchgroßen Stück rostigem Blech km Wasser gespielt und ein paar Winzig-Hunde wurden am Strand bewegt.
An der Haltestelle angenommen, fehlte mir jegliches Zeitgefühl. Das machte nach den beiden Bieren aber gar nichts. Als Zugabe spielte die örtliche Musikanlage wieder irgendsoein möglicherweise christliches Lied durch die arme Luft. Es war also um fünf.
Im gegenüberliegenden Kaufmannsladen wunderte man sich durch die Fensterscheibe über diesen Typen, der da barfuß mit einer Tüte voller Zeugs sich die Füße vom Sand befreite. Muß der Zeit haben. Der nächste Bus kam doch erst 17:40 Uhr. Ich habe mir in dem Laden aus Trotz ein Schokoeis gekauft und die anderen Kunden beäugt, die nacheinander in ihren Mini-Lastwagen aufkreuzten. In Japan wird wohl kein Lastkraftwagen mit unter zehn Prozent Chromverkleidung verkauft. Eine Fahrerin entpuppte sich als Typ mit behaarten Beinen, eine andere hatte ein Playboy-Hemde an. Das ging so die ganze Zeit lang. Wenn jemand zu eifrig stattgefunden, habe ich ihm zugenickt und einen konnichiwa gewünscht. Dann kam sofort die eingebaute Verbeugung oder zumindest ein Kopfnicken als Antwort.
Der Rest war unspektakulär. Bis natürlich auf das Essen. Die Küche hier versucht und schafft es jedes Mal, mich mit Essensachen zu verunsichern. Wie ist man einen halben Fischkopf (gestern) oder wie panierte Krebse?
Ich gehe noch einmal baden und dann ist Sense für heute. Ich bin müde.

Das Wichtigste für euch hatte ich noch vergessen. Ja, ich habe heute zwölf Karten geschrieben und auch bei der Post abgegeben. (Deshalb mußte ich auch solange auf den Bus zum Strand warten!) Der Rest liegt nicht mehr in meinen Händen.

Tag 26:

Wenn ich mich nicht verzählt habe, ist heute Freitag und ich verlasse meine schöne Rentner-Halbinsel. Es sind nur noch zwei volle Tage bis ich mein Flugzeug in die Heimat besteigen. Wird auch langsam Zeit. Ich hätte nicht gedacht, daß ich nach ordentlicher Kommunikation sehnen würde, auch wenn in Deutscheland neben den mir Lieben auch eine Menge Affen darauf warten, angesprochen zu werden.

Der Tag begann wie immer mit einem Hahnenschrei aus dem Elektro-Tablett gefolgt vom Heidenröslein, Frühstück und onsen. Nun warte ich auf den Bus nach Isahaya. Dort werde ich noch ein paar Karten schreiben und mich nach einer Gelegenheit umsehen, wo ich das Rugby-Spiel Japan gegen Neuseeland sehen kann. Danach geht es nach Plan ins Nylon.
Der Himmel weint zum Abschied.

Oh, Mann, der Bus roch nach Rentern und war auch selbst einer. Es gab nur einen schmalen Ein- und Ausstieg, durch den ich mit meinen Sachen durch mußte. Dabei noch einen Zettel ziehen, auf dem eine Nummer steht. Zu dieser Nummer steht vorn neben dem Fahrer der aktuelle Fahrpreis.

Ich bin im selben Hotel wie auf der Hinfahrt abgestiegen. Da erst um drei die Zimmer vergeben werden, bin ich noch ein wenig rumgelaufen. Allerdings nur in einem Kaufhaus. Ich habe den Ruf erhört: Bring ‚was mit, das es nur in Japan gibt! Gott, sind det schaue Sachen! Hoffentlich bekomme ich die alle mit ins Handgepäck.

Das Wetter ist wieder so, wie es sich gehört. So hat sich vorhin also nur Obama verabschiedet. Isahaya hat noch bis morgen Zeit. Den Fahrplan habe ich schon fotografiert. Das kann sich ja keiner merken.
Nun sitze ich vor dem Kaufhaus und nebenan sind McDoof und der KFC. Ja, ich habe Hunger. Aber das erspar‘ ich mir dann doch. Ich werden mal eine Gaststätte suchen. Bis gleich.

Zuerst ging es freilich zur Post. Die eine Bank auf dem Weg sollte meine EC-Karte nicht. Dann bin ich am Fluß lang zurück, habe ihn auch noch überquert. Aber ohne Brücke und trotzdem ohne nasse Füße. Die Einwohner von Isahaya haben stabile Quader aus Granit oder so in den Fluß gelegt. So kann man ihn bei Flachwasser bequem passieren. Der Tempel oder Schrein auf Service anderen FlußSeite war von weitem nichts besonderes. Ich wollte was essen und schlafen.
Dann bin ich aber noch an einem unscheinbaren Geschäft vorbeigestolpert und die paar Schritte zurück gegangen. Ein tokoya! Ich hatte es wirklich wieder nötig. Ich bin also rein und gleich erstmal entgeistert angestarrt worden. Ich habe dann „erklärt“, was ich wollte und habe Platz genommen. Bei dem Herren vor mir gab es einiges zu tun, um die richtige Festigkeit zu erreichen. Ein Netz spielte eine wichtige Rolle.
Als ich fragte, ob ich Fotos machen dürfte, gab es eine kleine Diskussion. Die Anwesenden zwei Herren wollten wissen, woher ich kommen und zu welchem Zweck ich die Fotos haben wollen würde. Aus Deutscheland und zur Erinnerung waren meine Antworten. Beide waren es zufrieden. Der mit dem Netz hat sogar vor vierzig Jahren mal deutsch an der Uni gelernt und hat als erstes ein „Ischi ruiebe dischi!“ losgelassen. Dann folgte noch „Einsu, zuwei, dorai.“ und alle waren froh.
Dann war ich an der Reihe und nahm auf dem angebotenen Spezialstuhl Platz. Die Einstellung der Maschine durfte ich mir noch aussuchen, dann ging es auch schon los.
Man merkte, daß hier mit Liebe und Sorgfalt gearbeitet wurde.
Nach den ersten Handgriffen wurde bemerkt, daß noch gar nicht über den Preis gesprochen wurde. Ob ich denn japanisches Geld dabei hätte, war die Frage. Ich hatte die kurze Besprechung zu meiner Verwunderung verfolgen können. Als geklärt war, daß ich die zweitausend Yen begleichen würde, ging es weiter.
Als Schaum angeführt und ein Rasiermesser bereitgelegt wurden schwahnte mir, nichts Gutes. Nun, es wurden ganz klar auch die Ränder bearbeitet. Nicht ohne vorher die Überreste weg zu bürsten. Als alles fertig war, wurde der Schrank vor mir, der fast wie ein Kühlfach aussah, heruntergeklappt. Es war ein Waschbecken und nun bekam ich auch noch den Kopf gewaschen. Da ist das letzte Mal auch schon ein paar Jahre her.
Nachdem auch meinen Wunsch ein bißchen nachgebessert worden war habe ich bezahlt und noch ein wenig „geplaudert“. Für meine Begriffe war es ein gesalzener Preis, aber man geht schließlich nur zweimal zum japanischen Frisör.

Hier kommt Völkerball im Hotelfernsehen!

Tag 27:

Einen Anruf, daß es Zeit wäre, das Hotelzimmer zu verlassen, und Frühstücken um halb zwölf auf dem Bahnhofsvorplatz. Das war mein heutiger Start in den Tag.
Der Abschluß des gestrigen verschwimmt im Nebel der Erinnerung. Wie pathetisch!

Ich hatte ja in Japan noch kein einziges Mal Sushi gegessen. Und das wollte ich gestern noch nachholen. Nachdem ich gegen vier ergebnislos nach Nahrung gesucht hatte, da bis fünf Uhr Ruhe in der Gastronomie herrscht, bin ich den Weg gegen sieben Uhr noch einmal gegangen. Direkt neben dem Nylon befindet sich nach Auskunft eines Japaners das beste Sushi-Restaurant der Stadt Isahaya. Das habe ich jedoch selbst herausgefunden. Ich habe mich einfach zwischen die drei vorhandenen Gäste gedrängt und so den Startschuß für den Abend und auch die Steuerung abgegeben.

Rechts neben mir saß ein Pärchen, das eigentlich keins war. Er war Hotel-Manager und sie war Barfrau. Nach dem ersten Kennenlernen und gegenseitigem Biereingießen wurde Sushi spendiert und ein Plan für den weiteren Abend geschmiedet. Wie schon gesagt war ich eher Gast beim Planen. Ich hatte keine Ahnung, ob sie einfach nur freundlich waren oder einen Menschenhandel betrieben. Eigentlich wollte ich mich nur im Nylon betrinken. Stattdessen ging es nach einigen Komplimenten per Taxi in eine spezielle Bar. Sie war hier Herrscherin und er wohnte oben drüber. Das war ganz praktisch. So kam er günstig an eine Flasche Spezial-Shouchuu (Wörterbuch-Eintrag: shochu (Japanese liquor similar to vodka)) ran und mußte nicht auf die Flasche mit seinem Namen zurückgreifen. Es ging also sportlich weiter. Ich habe natürlich mit meinem Pur-Trinken ordentlich Eindruck geschunden. Und immer schön im Mund zergehen lassen!
Ein paar Geschäftsleute kamen noch vorbei und blieben unbehelligt bis einer begann, vom Haka zu schwärmen. So habe ich mit denen also auch noch kurz kommuniziert.
Mein Glück und das aller Zeitreisenden ist, daß die Japaner wirklich immer vor einem selbst total voll sind. Was sie aber nicht davon abhält, einen noch in eine Karaoke-Bar zu lotsen. Und die Japaner können singen! Meine zwei Versuche von Abba-Liedern haben gegen den Gesang vom Hotel-Menschen aber auch gegen den der restlichen Gäste einfach nur abgestunken. Naja, ich habe eben zu wenig Übung. Sashimi wurde nebenan auch noch bestellt und ich habe die ganze Zeit nichts bezahlt! Mein Japan eben!

Um halb zwölf war es dann an mir, den Weg ins Nylon einzufordern. Wieder ging’s per Taxi los und diesmal habe ich mich durchgesetzt und die Fahrt bezahlt.
Im Nylon war genauso viel los wie am Sonntag nur ohne Damenfrisör. Dem wurde aber Bescheid gegeben und er tauchte auch trotz heutiger Arbeit auf.
Nun ging es in großen Schritten gen Untergang. Die von mir mitgebrachte Flasche Wacholder-Schnaps aus dem Schwarzwald (Herrn Schwunke gebührt der Dank!) sollte sich mit dem Nylon-Shouchuu messen. Und die Japaner scheinen zwar Gin zu kennen aber nicht im reinen Zustand, ohne Verdünnung.
Der Rest verschwimmt im besagten Nebel. Ich kannte den Weg uns Bett und war mir sicher, nicht noch einmal mit unbekanntem Ziel verschleppt zu werden.

Es gäbe noch viel mehr zu erzählen. Aber ich bin einfach nicht in der. Verfassung und schließlich soll für daheim auch noch etwas übrig bleiben.
Ich suche jetzt noch offen gelassene WLAN am Fluß auf und kümmere mich um meine Fahrt zurück nach Fukuoka. Und der Stern drückt auch schon wieder mächtig.

Die kommende Nachricht werde ich vermutlich vom Flughafen oder aus einem deutschen Netz heraus versenden. Bis dann!

6 comments so far

Kommentieren
  1. […] mal wieder ein Lebenszeichen von mir. Eine Art Erklärung für den fehlenden Informationsfluß. Hier findet Ihr alles ausführlich. Grüße von […]

  2. …was soll denn das heißen“ ich habe nicht alle Katzen und nassen Blumen fotografiert“? Das wäre ja auch noch schöner, diese Motive sind schließlich eindeutig schon vergeben,es lebe die Rollenverteilung!
    Danke für die ausführlichen Berichte, herrlich auf diesem Wege so viel von Dir zu lesen! SCHAU SCHAU SCHAU und vor allem mehr mehr mehr!
    Wenn das Klima nicht wäre, wäre ich glatt versucht,mich ein bißchen zu ärgern, dass ich nicht dabei bin.
    Den Rest der Nachricht kannst Du auf gesonderten elektronischen Wegen lesen,um den werten Mitlesern das Gesäusel zu ersparen.
    Liebste Grüße aus der Heimat von Du weißt schon wem

  3. …gestutzte Augenbrauen, geht`s dann morgen zum Nageldesigner?!
    Der Herr Japanentdecker weiß, wie man einen Spannungsbogen erzeugt!
    Der arme Kohei, nur weil Mathe ein Arschloch ist, wird er verbimmst, die Welt ist auch in Japan ungerecht und fies, pfui !
    Ich hätte einen Vorschlag, zu welchem kompetenten Mathelehrer er gehen müsste, um das zu lernen, aber die Anreise zum Humboldthain wird vermutlich ein bißchen zu weit sein?!
    Im Übrigen soll sich der Taifun mal schön zurückhalten, sonst kriegt er mächtig Ärger mit der/n Zurückgebliebenen!
    Wenn der Ausflug ausfällt, ist ja vielleicht Zeit, um ein bißchen „an zu Hause zu denken“!
    In diesem Sinne,weiterhin maximale Lern- und Urlaubsfreude!

  4. Hiermit stelle ich mich liebend gern als Begleitung für ein Winterkonzert im Wild at Heart zur Verfügung.
    Darin habe ich bereits Erfahrung und noch immer wohlige Erinnerungen, ich denke da nur an Uraltpunk und anschließende Zombiegespräche beim besten Hahnenschwanzmischer der Welt!
    Vorfreude hilft gegen Heimweh…

  5. Hach, der Herr Schwerenöter schafft es doch immer wieder, einer ganz bestimmten Person einen Seufzer zu entlocken!!! (Naja, vielleicht ein paar anderen auch ;0) )

  6. …Hut ab! für Deine ausführliche Berichterstattung! Hab´ja ggf. diverse Details beim „Querlesen“ übersehen – aber ich freue mich auf „Abba“- Karaokeeinlagen beim nächsten T.konzert.
    PS Hatte ich eigtl. erwähnt, daß ich mehreremale im TV DEUTLICH das Wort „Football“ (Trainer NZL,Pressekonferenz Vorrunde vor irgendeinem Spiel) bei der RUGBY WM) vernommen habe? nurmaso
    @Yves Rocher :Klitzekleine Ahnung hab´ich, wie Dein Klar-(Ruf-)Name is*:)*

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